SoVD-Podcast: Frühkindliche Bildung in Hamburg
Wie können Kitas zu Orten werden, an denen alle Kinder unabhängig von Herkunft, Behinderung oder sozioökonomischer Lage bestmögliche Bildungs- und Entwicklungschancen erhalten?
Frühkindliche Bildung in Hamburg: Fragen und Inhalte
00:43 Frühkindliche Bildung in Kitas: Erster Bildungsort, spielerisches Lernen und soziale Entwicklung
04:28 Herausforderungen in Hamburger Kitas: Fachkräftemangel, Finanzierung und Integration
10:21 Inklusion und Unterstützung von Kindern mit Behinderung in Kitas
14:28 Herausforderungen durch Bürokratie und das Kitagutschein-System
17:38 Kita-Besuch oder zu Hause bleiben: Gründe für unterschiedliche Betreuungsentscheidungen
19:34 Finanzierung und Ressourcen in Kitas: Zeit, Vertrauen und Qualitätsentwicklung für Kinder sichern
22:41 Armut und Chancengleichheit in Kitas: Konsequenzen für Kinder und politischer Handlungsbedarf
Wir sind ein Wohlfahrtsverband und es gibt uns seit 40 Jahren. Bei uns sind ganz überwiegend Kindertagesstätten organisiert. Das sind zu einem großen Teil kleinere Kindertageseinrichtungen, die von Eltern gegründet worden sind, und mittlerweile durch Beschäftigte, Eltern oder einen Mix von beidem weitergeführt werden. Die Einrichtungen werden bei uns Mitglied und wir beraten sie von Anfang an.
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Zu Gast ist Kai Fieguth, Jugendhilfereferent Kita bei SOAL - Alternativer Wohlfahrtsverband e.V., Landesverband Hamburg. In dieser Folge sprechen wir über frühkindliche Bildung in Kitas als ersten Bildungsort, spielerisches Lernen und soziale Entwicklung. Wir beleuchten drängende Herausforderungen wie Fachkräftemangel, Finanzierung, Inklusion und bürokratische Hürden – und diskutieren, wie Armut, Chancengleichheit und unterschiedliche Betreuungsentscheidungen die Arbeit in Kitas beeinflussen und welche Maßnahmen seitens der Politik nötig sind.

Frühkindliche Bildung in Hamburg: Der SoVD-Podcast zum Lesen
SR: Susanne Rahlf
KW: Klaus Wicher
KF: Kai Fieguth
SR: “Sozial? Geht immer!” – Der Podcast des SoVD Hamburg mit Klaus Wicher und Susanne Rahlf. Einmal im Monat diskutieren wir soziale Fragen und Problemlagen, haken nach und geben Antworten. Immer im Blick: Soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und Chancengleichheit. Sie wollen keine Folge mehr verpassen. Dann abonnieren Sie uns auf den gängigen Podcast-Plattformen. Herzlich willkommen zu “Sozial? Geht immer!”. Mein Name ist Susanne Rahlf.
KW: Mein Name ist Klaus Wicher. Ich bin Landesvorsitzende des SoVD.
00:43 Frühkindliche Bildung in Kitas: Erster Bildungsort, spielerisches Lernen und soziale Entwicklung
SR: Heute zu Gast ist Kai Fieguth. Er ist Jugendhilfereferent beim Sozialen Wohlfahrtsverband SOAL. Herr Fieguth, SOAL, was verbirgt sich denn jetzt genau hinter diesem Begriff?
KF: Wie Sie schon gesagt haben, wir sind ein Wohlfahrtsverband. Bei uns sind ganz überwiegend Kindertagesstätten organisiert, und es gibt uns seit 40 Jahren. Das sind zu einem großen Teil kleinere Kindertageseinrichtungen, die von Eltern gegründet worden sind, mittlerweile durch Beschäftigte, Eltern oder einem Mix von beidem weitergeführt werden. Die Einrichtungen werden bei uns Mitglied und wir beraten sie von Anfang an und unterstützen die Personen. Das geht los mit einer Gründungsberatung. Wenn jemand sich entschließt, einen Verein oder auch eine Einzelperson, eine Kita gründen zu wollen, dann müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, bis hin zur Begleitung zur Behörde. Neben der Gründungsberatung ist es so, dass wir dann in vielerlei Hinsicht die alltäglichen Dinge unterstützen. Wir haben eine umfangreiche Fortbildungsabteilung. Letzteres kostet was. Ersteres ist alles im Mitgliedsbeitrag inbegriffen. Die dritte Säule ist, dass wir die Interessen der Einrichtung unserer Mitglieder nach außen vertreten.
KW: Sie machen eine wichtige Aufgabe, die auch zukunftsträchtig ist. Was ist die Bedeutung von Kitaplätzen für die Kinder, für die Eltern, für unsere Gesellschaft? Was bewegen Sie?
KF: Mittlerweile wird es als erster Bildungsort nicht nur von uns, sondern von der Wissenschaft und auch zunehmend in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Vor der Schule, ohne selbst Schule zu sein. Das sind natürlich ganz andere Dinge, die in der Kita passieren. Frühkindliche Bildung und Betreuung sind die nächsten Aspekte.
KW: Was ist denn frühkindliche Bildung? Was muss man sich da vorstellen? Lernen die schon das große Einmaleins?
KF: Genau das tun sie nämlich nicht, sondern sie lernen, auch spielerisch, soziale Kompetenzen zu entwickeln. Das Miteinander, also alles das, was sowohl für die Schule, aber auch unabhängig von der Schule wichtig ist, das entwickelt sich in der Kita. Sie lernen womöglich zum Beispiel Zahlen, aber nicht in einer Form, wie das in der Schule ist, sondern es werden beispielsweise Zahlen auf die Treppen geschrieben und die Kinder haben einen spielerischen Umgang damit.
KW: Sie lernen es quasi nebenbei, sozusagen. Das hört sich gut an. Zu den Qualifikationen, die aus unserer Sicht auch besonders wichtig sind, gehören die sogenannten Schlüsselqualifikationen. Man spricht von Schlüssel, um in der Gesellschaft zurechtzukommen. Teamfähigkeit, mit Konflikten klarkommen. Wie machen Sie das, dass man sich das so ein bisschen vorstellen kann?
KF: Das ist bei unseren rund 170 Kitas unterschiedlich. Es gibt unterschiedliche pädagogische Ansätze, und es ist bei den anderen insgesamt 1200 Kitas, die es in Hamburg gibt, vielseitig. Es ist natürlich auch so, dass die Praxis eine sehr unterschiedliche ist. Tatsächlich findet so statt, wie ein Ausflug im Stadtteil. Wir lernen, so was wie über die Straße zu gehen, einzukaufen, mit Geld umzugehen. Natürlich jetzt nicht im unter 3-jährigen Bereich, sondern wenn es dann auf die Schule zugeht. Das ist alles immer ein bisschen altersabhängig. Die Gruppen sind aber auch gemischt von Alter her.
KW: Sie werden also lebenstüchtig bei Ihnen. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt, den wir auch besonders unterstreichen wollen. Gibt es dazu noch andere Punkte, die dazu führen?
KF: In Kitas, auch in den Schulen, ist es sehr wichtig, das soziale Miteinander mit Kompetenz, mit Haltung, mit Selbstbewusstsein, mit Fantasie und all diesen Dinge, die sich in der Gemeinschaft entwickeln können, klar zu kommen.
04:28 Herausforderungen in Hamburger Kitas: Fachkräftemangel, Finanzierung und Integration
KW: Man hört überall, dass es einen Fachkräftemangel gibt. Wie sieht es bei Ihnen aus?
KF: Es gab bis vor kurzem zu wenige Erzieher und sozialpädagogische Assistenten (SPA). Das ist eine Fachschulausbildung.
KW: Eine qualifizierte Ausbildung, die man braucht, um das zu können.
KF: Genau das fordert die Stadt in den Voraussetzungen, eine Kita betreiben zu können. Wenn ich die Kita neu aufmache, muss ich Fachpersonal, das heißt Erzieherinnen und SPAs, in einem ausreichenden Umfang unter Vertrag haben.
KW: Sind Sie dann mit den Fachschulen in Kontakt? Sie müssen immer gucken, ob Sie Nachwuchs bekommen. Wie muss ich mir das vorstellen, wie dieser Kontakt zustande kommt?
KF: Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen entscheiden sich, eine entsprechende Ausbildung zu machen. Wenn ich mich für eine Erzieher Ausbildung entscheide, heißt das nicht, dass ich in eine Kita gehe, sondern es heißt, dass ich mehrere Berufsfelder durch meine Fachschulausbildung nach drei Jahren erarbeitet habe oder das ermögliche. Die werden fertig, auch zu Tausenden. Sie kommen nicht in die Kitas. Oder sie gehen in die Kitas und gehen dann schnell wieder.
KW: Das kann ich verstehen. Das hängt natürlich auch an den Arbeitsbedingungen. Wir haben zunehmend eine Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund, die auch Kinder haben. Macht das Schwierigkeiten in den Kindergärten oder ist es einfacher als in der Schule?
KF: Schwierigkeiten macht das nicht. Angefangen davon, dass man multiprofessionelle Teams hat.
KW: Ich denke so ein bisschen an die Sprachhindernisse, die auch eine hohe Hürde sein können. Ist das in Kindergärten auch so?
KF: Weniger. In Hamburg haben Kitaverbände und die Behörde zusammen ein Kita-Plus-Programm entwickelt. Da werden zum einen zusätzliches Personal finanziert mit Fokus nicht nur, aber auch auf die Sprachbildung. Das sind ungefähr 1/3 der Kitas in Hamburg, ungefähr ein bisschen mehr als 400, die über dieses Programm zusätzliche Mittel bekommen.
KW: Es hört sich sehr gut an. Bei Kindern ist die Sprachbarriere nicht so schwierig. Die fangen an zu spielen. Ganz kleine Kinder reden sowieso noch nicht viel, sondern die unterhalten sich darüber, dass jemand eine Schaufel zu reicht und der andere die Hacke oder wie auch immer.
KF: Die Kinder artikulieren sich so, wie man das von Spielplätzen kennt und kommunizieren miteinander. Da hat die Sprache, so wie wir das kennen, als zentraler Moment eine andere Bedeutung.
KW: Man lernt, wenn man in einer Kita ist, einen ganz normalen Umgang mit Menschen, die aus anderen Kulturkreisen kommen. Kann man das so sagen? So eine gute Vorbereitung auf die Gesellschaft, das.
KF: Das sollte so sein.
SR: Sie haben jetzt vorhin schon mal so ganz kurz angedeutet, so leicht nebulös Fachkräftemangel gab es, gibt es jetzt nicht mehr. Das hat offensichtlich auch etwas damit zu tun, dass weniger Kinder heute in Hamburg in die Kitas gehen.
KF: Genau, den Fachkräftemangel gab es. Das hat mit den Arbeitsbedingungen zu tun, dass die Leute dann womöglich nicht in den Kitas bleiben, sondern sich andere Bereiche suchen. Das Zweite ist, im Zeitraum von vielleicht einem halben Jahr oder so, dass die Geburtenzahlen und somit die Nachfrage nach Kitaplätzen zurückgehen. Eine Folge davon ist natürlich, dass nicht alle Beschäftigten in den Kitas weiterbeschäftigt werden und insoweit der Fachkräftemangel zwar nicht weg ist. Das sind besondere pädagogische Qualifikationen, die für die Betreuung von Kindern mit drohender Behinderung oder Behinderung gebraucht werden. Da ist davon noch nicht viel zu spüren. Das andere sozusagen beruhigt sich ein wenig.
SR: Dann ist es eigentlich so, dass jede Kita genug Personal hat. Dann sind wir doch eigentlich super gut aufgestellt zurzeit in Hamburg, oder was ist denn jetzt das Problem, was gerade Sie als SOAL als Dachverband für die kleineren Kitas haben?
KF: Das Problem ist in der Tat, dass wir nicht nur wir, sondern die kleineren Einrichtungen, insbesondere wenn da Kinder wegbleiben, also die Wartelisten nicht voll sind, die Kinder nicht so, wie das notwendig ist, um den Kitabetrieb zu refinanzieren, letztlich das Personal zu finanzieren, wenn da nicht genügend Kinder kommen, dann habe ich ein Minus. Man zum Beispiel ist ein Krippenkind. Das sind Kinder von Geburt bis zu drei Jahren. Für die zahlen die Stadt und Eltern zusammen ungefähr 2.100 Euro im Monat für eine acht Stunden Platz. Das ist im Jahr 25.000 Euro. Das fehlen mir bei zwei Kindern in meiner Krippengruppe von zehn Kindern und drei Beschäftigten pädagogischen Fachkräften 50.000 Euro. Kann man sich vorstellen, das ist ein Problem. Ich kann auch nicht einfach eine der drei pädagogischen Fachkräfte entlassen, weil dann nicht mehr die Voraussetzungen für eine Kita erfüllt sind.
KW: Müssen Sie dann so eine Kita schließen?
KF: Ich muss mir in jedem Fall was überlegen. Wenn es gut läuft, habe ich womöglich Rücklagen. Die kann ich ein Stück weit nehmen, um das zu überbrücken. Wenn ich eine große Kita bin, dann kann ich natürlich sagen, okay, ich beschäftige das Personal woanders. Ich lege Gruppen zusammen. Bei kleineren Einrichtungen mit, sage ich mal, einer Krippe, einer Elementargruppe, fünf, sechs Beschäftigten ist das schwieriger bis unmöglich. Dann komme ich relativ schnell, wenn ich nicht doch noch neue Kinder bekomme, in so einer Notlage, dass ich sagen muss, okay, das kann ich eine Zeit lang mitmachen, aber potenziell muss ich die Einrichtung dann schließen.
10:21 Inklusion und Unterstützung von Kindern mit Behinderung in Kitas
KW: Wir haben auch Kinder, die eine Behinderung aufweisen. Behinderungen sind ganz unterschiedlicher Art. Kommen die ganz normal in Kindergärten mitunter oder sind es Spezialkindergärten? Wie machen Sie das?
KF: Das ist in Hamburg besonders: Die Kinder, die als Kinder mit Unterstützungsbedarf, mit Behinderungen beurteilt werden, das sind in Hamburg im Gutscheinsystem immer erst Kinder ab drei Jahren. Zumindest nach der Definition nicht. Das ist doch verrückt. Das führt beispielsweise dazu, dass die Kinder alle in jeder Kita sein können. So von der Zulassung redet jetzt alles okay. Wenn sie dann drei werden, dann ist es so, dass die Stadt sagt: Nee, jetzt braucht ihr Kitas, die eine besondere Erlaubnis haben, Kinder wie euch zu betreuen. Da müssten sie beispielsweise, wenn die Kita, in der sie bisher waren, keine solche Erlaubnis hat, das haben ungefähr nur 1/3 der Hamburger Kitas, 400 haben das ungefähr, dann muss das Kind die Einrichtung wechseln.
KW: Was schwierig ist, gerade wenn das Kind schon eine Behinderung hat. Wieder ein neues Umfeld, sich wieder an andere gewöhnt. Das ist doch eigentlich nicht klug.
KF: Nein, das ist nicht klug. Sowohl so alt wie auch die anderen Kitaanbietern sind schon seit über zehn Jahren dabei mit der Behörde zu verhandeln, wie man es ausgestaltet. Dass das an sich ab Geburt an für die Kinder, wo man sagt okay, die brauchen entsprechende Unterstützung in den Kitas, in den EGH-Gutscheinen gewährleistet wird.
KW: Das ist doch unstrittig in Wahrheit. Wenn man jetzt in die Pädagogik guckt und sich auch anguckt, wie Inklusion laufen soll. Das entsprichtnicht den Anforderungen von Inklusion.
KF: Nein, überhaupt nicht.
KW: Wir rufen das jetzt auch hier der Behörde zu und sagen: Hört mal auf mit eurer Bürokratie, baut diese Bürokratie an dieser Stelle ab. Wir wollen jetzt noch mal gucken, wie das läuft. Sie haben Frühförderung, Sie haben die Eingliederungshilfe als Finanzierungsmöglichkeit. Wie läuft das jetzt? Kommen die Eltern zu Ihnen mit einem behinderten Kind? Was machen Sie zuerst?
KF: Häufig ist es so, dass die Kinder in Kitas sind und dann stellen die pädagogischen Fachkräfte fest, okay, da ist etwas, wo mal jemand mit mehr Fachkompetenz drauf gucken sollte. Kinderärzte oder das Werner Otto Institut. Im Prinzip ein bisschen diagnostischer Blick.
KW: Ist das nicht überhaupt die Voraussetzung, dass erst mal eine Diagnostik gemacht wird, bevor ein Kind sozusagen diese Erlaubnis bekommt, jetzt zusätzliche Hilfen zu bekommen?
KF: Genau. Ich muss erst mal so weit sein, als Kita und auch als Eltern. Im Übrigen: Es ist nicht gleich so, dass man sagt, mein Kind ist eingeschränkt und braucht was Besonderes. Das ist ein schwieriger Prozess für Eltern und der findet in den Kitas statt. Bei manchen ist es klar, dass man sagt, okay, haben besonderen Unterstützungsbedarf, aber bei vielen, ich würde sagen, die meisten Kinder, das sind über 3400 glaube ich aktuell, bei den meisten ist es so, dass es ein Prozess ist, der sich herausstellt in den ersten Jahren dann sagt man okay, du brauchst was und das abzusichern geht man erst mal und lässt Fachleute drauf gucken und dann stellt sich raus, es gibt einen Bedarf. Dann muss ich als Eltern den nächsten Schritt tun und sagen, die Kita soll das Kind entsprechend fördern und unterstützen und dafür braucht die Kita diese Erlaubnis und brauche ich als Eltern für mein Kind einen entsprechenden Gutschein, mit dem verbunden ist, dass da drin steht es muss Ergotherapie oder Logotherapie geben. Es gibt zusätzliche Personalstunden.
KW: Müssen die Kinder da hin, zum Logopäden zum Beispiel?
KF: Das ist der große Vorteil. So ist das ursprünglich auch fast vor 20 Jahren entstanden. Das wollen wir möglichst reduzieren und deswegen schaffen wir die Möglichkeit der Eingliederungshilfe. Frühförderung in den Kitas: Entweder sind sie schon im Haus beschäftigt oder es gibt Kooperation mit verschiedenen Therapiepraxen.
KW: Gibt es denn so viele Fachkräfte im therapeutischen Bereich?
KF: Jein. Das ist mal so, mal so, also das ist schon schwierige Arbeit. Natürlich müssen sie auch nicht nur Geld verdienen, sondern müssen auch sagen, ich komme jetzt hier nicht wegen 20 Minuten Therapie, sondern habe da gleich zwei, drei Kinder. Es gibt sehr engagierte Therapiepraxen und auch Kollegen. Das ist wie vieles, man schöpft nicht nur aus dem Vollen.
14:28 Herausforderungen durch Bürokratie und das Kitagutschein-System
KW: Wissen Sie, was mir gerade auffällt? Die Bundesregierung, aber auch Hamburg will Bürokratie abbauen. Bei Ihnen gibt es aber ganz viel Bürokratie. Wir müssten doch eigentlich die Stadt nochmal auffordern und sagen: Seht mal zu, dass das hier bürokratiearm gearbeitet wird im Interesse der Kinder und im Interesse des Erhalts der Kitaplätze.
KF: Also was die Betreuung von Eingliederungshilfe, Kindern, integrativen Kindern betrifft, da wäre es in der Tat eine große Erleichterung, wenn die Stadt in der Lage wäre, die Verfahren flott über die Bühne zu bringen. Schneller und nicht detailverliebt bürokratisch, das wäre eine Forderung. Wir haben teilweise Träger, die 20 Monate auf die Betriebserlaubnis warten müssen.
KW: Man kann nicht glauben, dass die Stadt es ernst meint mit Bürokratieabbau.
KF: Es ist schrecklich, weil es dann auch den zweiten Bereich gibt. Ich habe Kinder, die ich betreuen will, aber keine Betriebserlaubnis. Die habe ich dann irgendwann und sei es nur 20 Monate. Dann müssen die Kinder aber auch noch zu mir kommen mit einem besonderen Gutschein. Dem muss ich auch wiederum beim öffentlichen Gesundheitsdienst beantragen, bei den jugendpsychiatrischen Diensten in den Bezirken. Da sollte ich rechtzeitig vorher Bescheid sagen, einen Termin vereinbaren und Antragsunterlagen einreichen. Unser Eindruck ist, dass die Rückmeldungen nicht nur unserer Einrichtungen bei SOAL, sondern auch der anderen sind, dass die Wartezeiten, wenn bezirklich auch unterschiedlich, immer wieder wechselnd, sehr lang sind. Selbst wenn ich sage, okay, mein Kind wird drei, vorher muss ich gar keinen Antrag stellen. Geht also mit zweieinhalb Jahren hin und sagt: Hallo, im August ist mein Kind drei Jahre und ich brauche so einen Gutschein. Häufig klappt das und da passiert es aber auch immer wieder, dass bis August nichts passiert und dann kann mein Kind in der Kita nicht entsprechend gefördert werden, weil die Stadt zahlt es Geld für Therapie und die heilpädagogischen Fachkräfte, nachdem sie selber so ein Gutachten erstellt hat und den Gutschein daraufhin erlassen hat. Wenn ich also ein Jahr brauchen, in meinem Beispiel, dann hat das Kind ein halbes Jahr zwar einen Rechtsanspruch darauf, entsprechend unterstützt zu werden, kann ihn aber nicht realisieren.
KW: Im Prinzip läuft das Ganze doch auf ein Gutscheinsystem hinaus. Man besorgt sich Gutschein und kriegt einen Kitaplatz. Können Sie das mal beschreiben, wie das läuft für diejenigen, die jetzt vor dieser Problematik stehen?
KF: Hamburg hat schon seit vielen Jahren einen Rechtsanspruch auf eine fünfstündige Betreuung in der Kita geschaffen, für alle Kinder ab dem ersten Lebensjahr bis zum Schuleintritt kriegen alle fünf Stunden Gutscheine. Wenn sie das beantragen wollen, müssen sie kein Geld bezahlen. Die kann man auch online beantragen. So, und wenn ich dann arbeite, und zwar beide zum selben Zeitpunkt, also eine Betreuung über einen bestimmten, über fünf Stunden hinausgehenden Zeitraum brauche, dann muss ich einen Antrag einreichen. Bei den Bezirken, Jugendämtern und begründen, warum ich mehr als fünf Stunden brauche. Studium, Arbeit, Sprachkurse. Das wird in der Regel genehmigt. Ist dann aber nicht kostenfrei. Alles, was über fünf Stunden hinausgeht, wird nach einer Einkommenstabelle differenziert. Ich glaube, es sind 200 Euro, die die Eltern zusätzlich zahlen müssen für eine Art Stundenplatz.
17:38 Kita-Besuch oder zu Hause bleiben: Gründe für unterschiedliche Betreuungsentscheidungen
KW: Das ist nicht ganz einfach für jemanden, der jetzt sagt, ich will jetzt einen Job suchen, habe ein Jobangebot und muss dann gleich erst mal in der Kita mehr bezahlen. Ich habe noch eine andere Frage: Nicht alle Eltern geben ihre Kinder in die Kita. Woran liegt das Ihrer Meinung nach? Das, was Sie schildern, ist eine tolle Betreuung und eine gute Förderung.
KF: Es ist auch so: Ich sage mal, wenn man sich die Kinder über drei Jahren bis zum Schuleintritt anguckt, dann haben wir eine Betreuungsquote von 99 Prozent. Da ist es also so, dass fast alle Kinder in die Kita gehen. Das sagt jetzt nicht, ob sie 5, 6, 8 oder zehn Stunden gehen bei den unter 3-Jährigen, den sogenannten Krippenkindern, da ist die Quote ein bisschen über 50 Prozent, glaube ich. Das ist schon mal eine Differenzierung, die vielleicht auch wichtig ist, weil ein Stück weit Ihre Frage beantwortet.
KW: Wissen Sie, woran das liegen kann?
KF: Es liegt an mehreren Sachen. Es liegt zum einen daran, dass familiäre Verhältnisse so sind, dass man sagt: Nee, ich will mein Kind nicht in die Betreuung geben und kann es mir leisten, ein Kind noch länger zu Hause zu behalten, als mit einem Jahr in die Kita zu geben. Das zweite ist, dass in dem Feld auch erst mal ein Vertrauen entstehen muss zwischen den Eltern und der Einrichtung. Lange Zeit war es schwierig, überhaupt Plätze zu finden. Das verändert sich gerade. Es wird sicherlich noch ein weiterer Grund gewesen sein. Ich komme gar nicht an einen Kitaplatz ran. Dann ist das auch so was ganz alltägliches wie: Ich muss mein Kind abgeben können und wollen. Ich muss die Bedeutung von frühkindlicher Bildung und Betreuung auch kennen.
KW: Es geht um die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder, sie lebensfähig zu machen, auch für die Gesellschaft, für den Umgang an anderer Stelle. Es ist doch eigentlich schade, wenn die Kinder dies verpassen.
KF: Das ist für die Kinder in der Tat richtig schade. Ich sehe das ganz genauso. Deswegen ist es auch notwendig, dass alle Beteiligten es probieren, sowohl Behörde, Politik wie Sie auch immer wieder entsprechend dafür zu werben, dass die Eltern ihre Kinder in der Kindertagesbetreuungseinrichtung geben.
19:34 Finanzierung und Ressourcen in Kitas: Zeit, Vertrauen und Qualitätsentwicklung für Kinder sichern
KW: Und keine Angst haben, sollen auch mit den Erziehern sprechen, wenn ihnen was komisch vorkommt. Wir wollen noch auf einen anderen Punkt kommen. Wie ist das mit der Finanzierung? Eigentlich muss die Stadt doch eine großes Interesse haben, das so zu finanzieren, dass es bürokratiearm geht.
KF: Sicher müssen Sie Interesse haben. Die Stadt selber sieht das auch so, dass Sie 1,2 Milliarden pro Jahr für die Kindertagesbetreuung ausgeben, das ist in der Tat ein großer Betrag, den man gar nicht in Abrede stellt. Nichtsdestotrotz sieht das in der Realität so aus, dass beispielsweise an dem Punkt, Zeit für Elterngespräche und Eltern auch mal die ganze Entwicklung ihres Kindes reinzuholen, das ist an sich alles nicht vorgesehen. In der Finanzierung sind Betreuungsstunden am Kind, wie man so sagt, vorgesehen. Tätigkeiten wie das nennt man mittelbare pädagogische Tätigkeit.
KW: Da geht es doch um Vertrauen entwickeln. Das ist doch die Voraussetzung dafür, dass das ganze System erst mal funktioniert. Da müssen wir auch noch mal an die Behörde dringend den Appell richten: Das müsst ihr ändern, das müsst ihr bezahlen.
KF: Das ist der Behörde bekannt. Nicht nur wir, sondern auch die anderen Anbieter und die Wissenschaft fordern, dass Hamburg und bundesweit, dass solche Tätigkeiten Dokumentation und Qualitätsentwicklung, Vor- und Nachbereitung, Elternabende, all diese Dinge, dass die mitfinanziert werden. Da müssen die Fachkräfte quasi freigestellt werden. Das ist keine Zeit, die ich in der Zeit, wo ich Kinder betreue, machen kann. Natürlich gibt es auch noch Krankheit in erheblichem Umfang höher als im normalen Durchschnitt
KW: Ist das die Anstrengung der Mitarbeiter?
KF: Das fängt an, dass das sehr laut ist. Dann ist es so und es hat sich nach Corona teilweise auch noch mal bedingt, dass die Kinder anspruchsvoller sind. An sich bräuchte man, immer wieder hören wir das, ein bisschen mehr Zeit, auch auf einzelne Kinder oder eine kleinere Gruppe einzugehen, als diese zehn oder mehr Krippenkinder in einer Gruppe oder über 20 Elementarkinder mit zwei Leuten.Dann ist jemand in Urlaub und krank. Insbesondere Zeiten mit dem Fachkräftemangel. Das hat die Leute richtig geschlaucht und viele, insbesondere ältere haben dann auch geschmissen.
KW: Vielleicht sollten wir noch mal sagen: Ist das System insgesamt gut finanziert? Es gibt immer kleine Lücken oder gibt es hier größere Lücken, wo man sagt, da muss man jetzt richtig noch mal nachsteuern?
KF: Es gibt größere Lücken, weil es eine bunte Vielfalt der Einrichtung und der Träger in Hamburg. Manche wie die Elbkinder und andere müssen nach Tarif bezahlen, andere Träger müssen das nicht und insbesondere die, die tariflich bezahlen oder in Anlehnung an Tarife, da sind sozusagen die Entgelte der Beschäftigten, dem, was die Stadt refinanziert über ein System, davongelaufen. Es gibt immer etwas, wo das nicht reicht und in Zeiten des Fachkräftemangels war das jetzt nicht nur bei tariflichen so, sondern auch bei den anderen. Ich gehe als Arbeitnehmer nicht irgendwo dahin, wo ich weniger kriege, wenn ich woanders mehr bekommen kann. Potenziell, und das fordern wir seit langer Zeit, ein System zu gewährleisten, finanziell, das kostet alles Geld, auch wenn es vorher womöglich gut ausgestattet war.
KW: Es nützt doch der Gesellschaft. Das hören wir doch gerade.
KF: Das nützt der Gesellschaft. Es gibt auch genügend wissenschaftliche Untersuchungen, die sagen, wir gucken uns das mal an, wie das in zehn Jahren dann ist, wenn ich die Kinder unter solchen Bedingungen fördere oder nicht fördere. Das kostet die Gesellschaft viel mehr.
22:41 Armut und Chancengleichheit in Kitas: Konsequenzen für Kinder und politischer Handlungsbedarf
KW: Die Armut wird im Moment in Hamburg sprunghaft größer und sie wirkt sich auch auf die Kleinsten und auch auf die Kinder ab drei aus. Merkt man das eigentlich im Kindergarten?
KF: Es hängt vom Stadtteil ab. Bei uns sind Einrichtungen organisiert, die von Billstedt über Blankenese bis in den Hamburger Osten raus sind und das ist natürlich ein Unterschied, also in vielerlei Hinsicht. Das merkt man in den Einrichtungen. Ich habe eine Einrichtung, wo wenig ärmere Familien ihre Kinder betreuen lassen, dann ist das natürlich nicht so wahrnehmbar wie in Stadtteilen, wo es zu einem großen Bedarf in dieser Hinsicht geht. Verwahrlosung ist glücklicherweise nur in seltenen Fällen, zumindest das, was ich weiß, gegeben. In kurzer Zeit und danach hat man insbesondere gemerkt, dass die Kinder natürlich ganz anders gefordert oder nicht gefordert waren, nicht richtig miteinander spielen konnten. Das ist in den Stadtteilen, wo die beiden Eltern viel arbeiten müssen, wenig Geld haben.
KW: Das Problem bei Kindern aus Armut ist, dass sie gegenüber den anderen ein bisschen zurück sind. Kindergärten können das aufholen, gemeinsam, auch im Zusammenwirken mit den Kindern aus den ein bisschen gut situierten Haushalten. Diese Chance ist in Kindergärten gegeben. Die Eltern, die ihre Kinder da nicht hingeben, die nehmen ihren Kindern doch Lebenschancen. Ist das nicht so?
KF: Wenn man das so rum sagt, dann klar, ist das so. Wie gesagt, man müsste sich angucken, warum Eltern das machen. Das ist sicherlich ein vielschichtiges Thema, sage ich jetzt mal so, aber klar, das ist die Aufgabe von Kita, sowas ein Stück weit zu nivellieren, so wie von Schule auch. Und die Ergebnisse kennen wir.
KW: Das ist eine Möglichkeit, zu einer Chancengleichheit zu kommen. Andere werden zu Hause schon sehr früh sehr schnell gefördert. Das kann man den Menschen gar nicht immer vorwerfen, wenn die Eltern auch sehr früh schon arbeiten gehen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ich finde, wir haben eigentlich sehr rund im Moment darüber gesprochen. Vielleicht haben sie noch am Ende eine Botschaft an uns alle, wo sie sagen, das wäre schön, wenn sich das noch entwickelt.
KF: Das ist in Richtung Politik und damit dann auch an die Behörde. Wir brauchen nach jetzt über 20 Jahren, wo immer mehr Kitaplätze nachgefragt und angeboten worden sind, angesichts der sinkenden Kinderzahlen, brauchen wir so etwas wie die Jugendhilfeplanung. Bisher ist es im Gutscheinsystem so, dass jeder, der bestimmte Voraussetzungen räumlich, personell erfüllt, kriegt über kurz oder lang diese Betriebserlaubnis und dann kann er loslegen. Das Risiko, dass er an die Wand fährt, weil er zu wenig Kinder hat, die nicht bei ihm sind. Das läuft alles gut, solange es genügend Kinder gibt. Jetzt haben wir aber einen Zeitpunkt erreicht, wo angesichts der sinkenden Kinderzahlen ist stadtteilmäßig unterschiedlich, aber zu dem vorhin schon beschriebenen Problem kommt: Es gibt nicht genügend Kinder für die Plätze, es gibt zu viele Plätze. Die Stadt muss unbedingt, das hat sie bisher nämlich nicht getan, die Jugendhilfeplanung entwickelt und sagen: Wo macht es Sinn, noch Kitas zu entwickeln und wo nicht?
KW: Das nehme ich nochmal auf, weil die Jugendhilfe ist gerade rübergegangen in die Schulbehörde. Ist das jetzt so, dass sie sich da wieder neu einarbeiten? Sie sind doch regelmäßig mit denen im Gespräch, die wissen das doch.
KF: Genau, das ist das gesamte Amt für Familie mit rübergegangen. Die sitzen jetzt noch auf den alten Stühlen. Auch in der alten Behörde, aber müssen sich in der Tat zusammenfügen. Das kostet auch Zeit. Dieses Thema, das ich zuletzt angesprochen habe, das diskutieren wir lange mit den konkreten Menschen in der Behörde. Sie sind in einer Behörde, ändert aber nichts, dass Sie das kennen. Jetzt hat man wieder natürlich neue Prozesse, neue Wege, neue Menschen.
KW: Wir geben das mal der Schulsenatorin Frau Bukarest mit auf den Weg. Hier gibt es noch einiges zu tun. Ich danke erstmal von meiner Seite.
SR: Ich fand, was auch nochmal richtig rausgekommen ist, ist tatsächlich die Notwendigkeit, Kitas zu betreiben. Ich finde es schon ein Phänomen, dass auf einmal zu wenig Kinder da sind, wo wir so lange über diesen Fachkräftemangel in diesem Bereich immer gesprochen haben. Wichtig ist auf jeden Fall, dass das alles aufrechterhalten wird. Die Grundversorgung muss auf jeden Fall gegeben sein und es ist absolut notwendig, dass Kinder schon im ganz frühen Alter auch Unterstützung haben. Ich hoffe, dass die Behörde auch unseren Weckruf gehört hat. Wir bleiben am Ball und werden das weiter verfolgen. Vielen Dank, Herr Fieguth, dass Sie da waren und uns aufgeklärt haben über diese ganze Problemlage. Vielen Dank.
KW: Viel Erfolg auch noch mal in der Zukunft und gute Gesundheit für Sie und Ihre Mitarbeiter.
KF: Danke schön. Das werde ich weitergeben, nehme ich mit. Vielen Dank für das Gespräch.
SR: Das war “Sozial? Geht immer!” – Der Podcast des SoVD Hamburg. Abonnieren Sie uns auf den gängigen Plattformen und wenn es Ihnen gefallen hat, geben Sie uns dort gerne eine gute Bewertung ab. Oder Sie schicken uns Ihr Feedback an info@sovd-hh.de. Wir freuen uns, wenn Sie auch das nächste Mal wieder reinhören. Bis dahin halten wir Sie auf unseren Social Media Kanälen auf dem Laufenden oder besuchen Sie unsere Webseite sovd-hh.de.











