SoVD-Podcast: Offene Kinder- und Jugendarbeit
Wie kann die wichtige gesellschaftliche Rolle der OKJA gesichert und die junge Generation gezielt gefördert werden?
Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) in Hamburg: Fragen und Inhalte
01:02 Offene Kinder- und Jugendarbeit: Raum für Freizeit, Bildung und Beratung
02:35 Digitale Herausforderungen in der Jugendarbeit: Begleitung statt Verbote
04:34 Offene Kinder- und Jugendarbeit als zweites Zuhause und Orte der Demokratie
08:05 Personalmangel: Warum eine zweite Stelle unverzichtbar ist
11:43 Psychische Versorgung: Zu wenig Hilfe für Kinder und Jugendliche
14:02 Kinderarmut in Hamburg: Hunger ist Alltag in Jugendeinrichtungen
15:42 Finanznot in der Jugendarbeit: Steigende Kosten und fehlende Ressourcen
20:06 Vernetzung der OKJA stärken und politische Schlagkraft erhöhen
24:21 Ausblick und Herausforderungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit
Es braucht auch, dass Kinder und Jugendliche lernen, solidarisch miteinander zu sein, damit eine Gesellschaft entsteht, in der alle gut leben können, in der alle ihre Berechtigung haben und teilnehmen können. Das sind Sachen, die in einer offenen Kinder- und Jugendarbeit auf jeden Fall ihren Platz haben und die Kindern und Jugendlichen auch mitgeben werden.
“
Zu Gast ist Fabienne von Hohenthal, Fachreferentin im Verband Kinder- und Jugendarbeit Hamburg e.V. In dieser Folge sprechen wir über die offene Kinder- und Jugendarbeit in Hamburg (OKJA) und ihr vielseitiges außerschulisches Angebot der Freizeitgestaltung, Bildung und Beratung. Wir werfen einen Blick auf die Herausforderungen der Digitalisierung, beleuchten die drängenden Problemlagen der Finanzierungsnot sowie des Personalmangels – und diskutieren, welche Schritte nötig sind, um Politik und Öffentlichkeit stärker für die Belange der offenen Kinder- und Jugendarbeit zu sensibilisieren und sie in ihrer wichtigen Rolle als zweites Zuhause und Orte der Demokratie nachhaltig zu stärken.

Offene Kinder- und Jugendarbeit in Hamburg: Der SoVD-Podcast zum Lesen
SR: Susanne Rahlf
KW: Klaus Wicher
FH: Fabienne von Hohenthal
SR: “Sozial? Geht immer!” – Der Podcast des SoVD Hamburg mit Klaus Wicher und Susanne Rahlf. Einmal im Monat diskutieren wir soziale Fragen und Problemlagen, haken nach und geben Antworten. Immer im Blick: Soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und Chancengleichheit. Sie wollen keine Folge mehr verpassen. Dann abonnieren Sie uns auf den gängigen Podcast-Plattformen. Herzlich willkommen zu unserem Podcast “Sozial? Geht immer!”. Mein Name ist Susanne Rahlf.
KW: Mein Name ist Klaus Wicher. Ich bin Landesvorsitzender des SoVD in Hamburg.
SR: Heute zu Gast ist Fabienne von Hohenthal. Sie ist Fachreferentin beim Verein Kinder und Jugendarbeit Hamburg e.V.. Wir wollen heute über Ihre Arbeit sprechen. Herzlich willkommen!
KW: Auch ein Willkommen von mir.
FH: Vielen Dank für die Einladung.
01:02 Offene Kinder- und Jugendarbeit: Raum für Freizeit, Bildung und Beratung
SR: Offene Kinder- und Jugendarbeit ist erst mal ein sehr großes, umfassendes Thema und ein großer Begriff. Was verbirgt sich eigentlich genau dahinter?
FH: Offene Kinder- und Jugendarbeit sind zum Beispiel Einrichtungen wie Spielhäuser, Jugendclubs, Abenteuerspielplätze oder Häuser der Jugend, also sehr vielfältige Orte. Das sind Orte, wo Kinder und Jugendliche einfach hinkommen können, wo sie keine Verpflichtungen nachgehen müssen, wo sie ihre Freizeit gestalten können, wo sie Beratung finden können, wo sie Beziehungen zu Mitarbeitenden aufbauen können und ihre Freizeit verbringen können.
SR: Diese Einrichtungen sind über ganz Hamburg verteilt?
FH: Genau. In Hamburg gibt es ungefähr 250 Einrichtungen. Ich bin vom Verband Kinder- und Jugendarbeit. Wir sind auch Träger von eigenen Einrichtungen und die sind in allen Bezirken in Hamburg verteilt.
SR: Sie sind sozusagen das Sprachrohr der einzelnen Träger und das Dach, unter dem sich ganz viele zusammenfinden und mit denen sie zusammenarbeiten. Die Arbeit, die Sie da machen, ist unglaublich wichtig und eine der großen Aufgaben, die auch die Stadt Hamburg hier zu bewältigen hat. Hat sich für Sie die Arbeit in den letzten Jahren verändert?
FH: Ja, ich war vorher als Praktikantin in der offenen Kinder- und Jugendarbeit tätig. Da bin ich sozusagen als Berufseinsteiger gestartet. Jetzt bin ich als Fachreferentin tätig. Alleine schon deswegen hat sich für mich persönlich die Arbeit verändert. Ich würde sagen, man merkt schon, auch am politischen Klima und an gesellschaftlichen Veränderungen, dass sich dort auch die offene Kinder- und Jugendarbeit oder die Themen, mit denen Kinder und Jugendliche in die Einrichtung kommen, verändert haben.
02:35 Digitale Herausforderungen in der Jugendarbeit: Begleitung statt Verbote
KW: Ein großes Thema ist die Digitalisierung auf allen Ebenen. Wir hören jetzt, Kinder sollen in der Schule nicht immer mit dem Handy rumspielen oder ins Internet gehen. Das soll verboten werden. Wie ist das eigentlich in den Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit? Was beobachten Sie dort?
FH: Erstmal ist es ein freiwilliger Kontext, das heißt, Kinder und Jugendliche dürfen kommen. In der Regel gibt es da auch sowas wie Handyverbote nicht. Natürlich ist es schon so, dass ein Teil der Arbeit ist, digitale Kompetenzen an Kinder und Jugendliche weiterzugeben. Das heißt, Kinder und Jugendliche kommen vielleicht auch mit Themen, mit Sachen, die sie im Internet dort sehen und erzählen davon. Dann geht es auch viel darum zu gucken: Stimmt das denn eigentlich, was die da sehen? Sind das Fakten? Sind das Meinungen? Oder ist es vielleicht auch gar nicht echt und das so ein bisschen zu begleiten. Natürlich ist es so, dass Kinder und Jugendliche auch einfach häufig mit allen möglichen Sachen im Internet konfrontiert sind und dass da eigentlich gar nicht so richtig eine Kontrolle oder eine Begleitung drin ist. Das kann natürlich auch dazu führen, dass Kinder und Jugendliche irgendwie Sachen sehen, die vielleicht auch gar nicht im Alltag angemessen sind.
KW: Wenn Sie das so beschreiben, dann hat man den Eindruck, da sind Probleme, die dahinter stecken, die die Kinder mit sich herumtragen. Können Sie das noch mal so ein bisschen beschreiben? Welche Probleme könnten das sein?
FH: Zum Beispiel, wenn wir über Krisen oder Kriege zum Beispiel sprechen, dass die einfach da Sachen sehen, die im Idealfall eigentlich niemand sehen müsste. Das sind schlimme Szenen, in denen Menschen verletzt werden oder um Hilfe rufen und damit sind sie konfrontiert. Das macht natürlich auch ganz viel mit Kindern und Jugendlichen. Oder wenn wir über Körperbilder zum Beispiel sprechen. Das ist auch ein großer Druck, den Kinder und Jugendliche verspüren, auf eine bestimmte Art und Weise auszusehen. Oder sie sind selber Hass im Netz ausgesetzt, dass sie vielleicht einen eigenen Onlineauftritt haben und dann aber gemobbt werden im Internet beispielsweise, oder erleben, wie andere Leute gemobbt werden.
04:34 Offene Kinder- und Jugendarbeit als zweites Zuhause und Orte der Demokratie
KW: Da wird Druck auf die Kinder ausgeübt. Ist denn die offene Kinder- und Jugendarbeit so eine Art Ventil, damit die Kinder diesen Druck auch wieder loswerden können?
FH: Das würde ich auf jeden Fall sagen. Einfach weil Kinder und Jugendliche die Möglichkeit haben, dort erst mal nur zu sein. In vielen Bereichen, in denen sie sich bewegen, also zum Beispiel in der Schule oder auch darüber hinaus, müssen sie häufig Leistung erbringen und in ein bestimmtes Raster passen. Das Raster passt nicht für alle Kinder und Jugendlichen. Das erzeugt natürlich auch großen Druck. In der Kinder- und Jugendarbeit ist es natürlich nicht so, dass es keine Regeln und keine Grenzen gibt, aber man lotet die gemeinsam aus und man bearbeitet Sachen, die vielleicht nicht gut laufen. Oder wir gehen miteinander ins Gespräch. Diese Beziehungsarbeit, die Kinder und Jugendliche da mit Mitarbeitenden haben können, ist tatsächlich eine riesige Ressource. Der Kontakt zu Gleichaltrigen natürlich auch.
KW: Empfinden die Kinder so eine Einrichtung wie ein weiteres Zuhause, wo sie sich wohlfühlen, wo sie auch mal Dinge sagen können, die sie woanders nicht sagen können.
FH: Das auf jeden Fall. Wir haben im letzten Jahr eine Postkartenaktion gemacht. Da sollten Kinder und Jugendliche aufschreiben oder aufmalen, was die offene Kinder- und Jugendarbeit für sie ist. Ich habe mir die Postkarten vor ein paar Tagen nochmal angeguckt und da stand tatsächlich sehr oft: Die Einrichtung ist mein zweites Zuhause. Hier finde ich Hilfe, dass es ein Ort der guten Gefühle ist. Also das ist tatsächlich etwas, was Kinder und Jugendliche so wahrnehmen.
KW: Das heißt, im Grunde genommen sind diese Orte für die Kinder unverzichtbar.
FH: Das ist auf jeden Fall so, die Orte sind wirklich extrem bedeutend. Wenn wir uns die gesellschaftlichen Entwicklungen angucken: Offene Kinder- und Jugendarbeit sind Orte der Demokratie. Bildung, das heißt, Kinder und Jugendliche lernen dort auch erstmal: Was sind meine Rechte? Ich habe das Recht zu äußern, was mir wichtig ist, was ich brauche. Das sind gesellschaftlich gesehen auch noch mal einfach sehr, sehr wichtige Orte.
KW: Was glauben Sie, was daran so wichtig ist an der Demokratiebildung gerade in der heutigen Zeit?
FH: In der heutigen Zeit, in der faschistische und rechte Ideologien einfach wieder Alltag werden, braucht es irgendwie eine klare Positionierung dagegen. Es braucht auch, dass Kinder und Jugendliche lernen, solidarisch miteinander zu sein, damit eine Gesellschaft entsteht, in der alle gut leben können, in der alle ihre Berechtigung haben und teilnehmen können. Das sind Sachen, die in einer offenen Kinder- und Jugendarbeit auf jeden Fall ihren Platz haben und die Kindern und Jugendlichen auch mitgeben werden.
08:05 Personalmangel: Warum eine zweite Stelle unverzichtbar ist
KW: Wenn Sie das so erzählen, müssten Sie ganz viele Mitarbeiter in ihren Einrichtungen haben, damit das wirklich gut läuft und damit die Kinder sich auch dieses zu Hause fühlen können und dann, wenn sie Bedarf haben, die Menschen, die dort arbeiten, ansprechen können.
FH: Das stimmt und das wäre total schön, wenn das die Realität ist. Leider ist es so, dass von den 250 Einrichtungen in Hamburg die Hälfte nur mit einer Stelle ausgestattet sind. Das ist zu wenig.
KW: Das kann man sich gar nicht vorstellen. Was passiert, wenn der Stelleninhaber krank ist, eine Fortbildung macht oder Urlaub hat? Was passiert dann in der Einrichtung, dass wir uns das mal so ein bisschen vorstellen können? Sie haben eben von der Heimat gesprochen, die die Kinder dort empfinden. So, und jetzt ist die Heimat unterbrochen.
FH: Im Worstcase und das ist aber auch schon die Realität, sind die Einrichtungen geschlossen und das, was sie eigentlich sein sollen, nämlich verlässliche Orte. Das sind sie auf jeden Fall auch, weil die Beziehung nicht nach einem Tag Schließung verloren geht. Trotzdem ist es einfach so, es kommt ins Wanken und diese Verlässlichkeit kann einfach nicht mehr immer gewährleistet werden, wenn die Einrichtungen so wenig Personal haben. Genau das ist auf jeden Fall schon Realität und ein großes Problem. Es bräuchte auf jeden Fall eine bessere Ausstattung und mehr Personal.
KW: Ich habe mal gelesen, dass es so etwas wie einen Personalpool gibt, den man ansprechen kann, wenn man selbst in einer Einrichtung Probleme hat? Wird das für Hamburg eine Lösung?
FH: Das ist eine gute Frage. Da kommt es tatsächlich auf die Ausgestaltung an. Ich weiß auf jeden Fall von Einrichtungen, die vielleicht innerhalb eines Stadtteils liegen, die sich vielleicht auch mal gegenseitig unterstützen, wenn Ferienreisen zum Beispiel geplant werden. Es ist auch manchmal schwierig, dann als einzelne Person in einer Einrichtung, dass man sich dann zusammen tut. Es ist schon sehr wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen zu den Mitarbeitenden eine Beziehung aufbauen können. Wenn ich mir vorstelle, aus einem Pool kommen immer fremde Personen, um in einer Einrichtung zu arbeiten, und es gibt gar keine Kontinuität oder Verlässlichkeit darin, dann stelle ich mir das sehr schwer vor.
KW: Sowas wäre immer die zweitbeste Lösung, aber besser, als wenn die Einrichtung geschlossen wird, würde ich mir vorstellen.
FH: Natürlich ist es total problematisch, wenn die Einrichtung geschlossen wird. Ich glaube auch, dass viele Kinder und Jugendliche die Einrichtungen nutzen, die Schwierigkeiten haben, Beziehungen aufzubauen. Wenn es dann eine hohe Fluktuation und einen hohen Wechsel gibt, dann kann das auch zu Unruhe in der Einrichtung führen. Ich will nicht dagegen sprechen. Wie gesagt, wenn man sich dann einen guten Plan macht und überlegt, wie das ausgestaltet sein kann, dann kann man da bestimmt darüber nachdenken. Gerade fällt mir das ein bisschen schwer.
KW: Man muss der Politik Lösungen anbieten. Eine Lösung wäre, dass man sagt, jetzt könnt ihr vielleicht nicht in den Einrichtungen eine zweite Stelle schaffen, aber ihr könnt so einen Pool schaffen. Das wäre für den Übergang, bis man das verbessern kann, doch eine Lösung zumindest, auch wenn Sie sagen, es ist nicht optimal.
FH: Das ist jetzt wirklich rein hypothetisch. Ich würde davon auf keinen Fall abweichen, die zweite Stelle zu fordern, weil das ist das, was wir brauchen und das ist das, was wirklich auch, über jetzt unseren Verband hinaus, mit Kollegen aus dem Arbeitsfeld wirklich diskutiert wird und dafür immer sehr stark plädiert wird. Es braucht diese zweite Stelle und deswegen glaube ich, dass manchmal so Alternativen dazu führen könnten, dass man von dem eigentlichen Ziel abweicht. Deswegen würde ich mich jetzt nicht so sehr stark für die Alternative aussprechen, sondern eher für die Originallösung sozusagen.
11:43 Psychische Versorgung: Zu wenig Hilfe für Kinder und Jugendliche
KW: Wir haben über Digitalisierung gesprochen und über die Probleme. Im Grunde braucht man doch Experten, die da helfen können. Das sind doch Psychologen, im Ernstfall vielleicht sogar Psychiater. Passiert das, gibt es solche Hilfen?
FH: Die psychische Versorgung von Kindern und Jugendlichen ist schon auch sehr unzureichend. Es gibt einfach zu wenig Plätze, es gibt lange Wartelisten. Es gibt ein Projekt in Hamburg, was seit drei Jahren etabliert wurde, wo eine Psychologin an einen Mädchentreff angedockt wurde und die dann an verschiedenen Einsatzorten war und Mädchen aus den Einrichtungen sagen konnten: Ich habe irgendwie Schwierigkeiten. Ich brauche Hilfe. Dort können sie dann in die Beratung gehen. Das ist kein Ersatz für eine Psychotherapie. Das ist an der Stelle ganz wichtig zu sagen, aber eine Option gewesen, die ganz gut funktioniert hat.
KW: Kommen die Kinder und Jugendlichen, die zu Ihnen kommen, selbst da drauf oder muss man sozusagen darauf hinarbeiten, dass dort Hilfen benötigt werden? Es ist nicht so einfach, diese Schwelle zu überwinden.
FH: Das kommt ein bisschen aufs Alter drauf an und generell in der offenen Kinder- und Jugendarbeit müssen wir schon auch viel zwischen den Zeilen lesen, weil wir auch erst mal auf die Idee kommen müssen. Das finde ich auch sehr hochschwellig. Ich darf mit jemandem professionell darüber sprechen, dass es mir nicht gut geht. Es gibt überhaupt Leute, die das machen und dementsprechend glaube ich, läuft es manchmal schon so, dass Kinder und Jugendliche sehr offensiv formulieren: Mir geht es überhaupt nicht gut und ich brauche Hilfe. Manchmal ist es dann vielleicht auch eine fachliche Einschätzung einer Fachkraft, die denkt, Oh, irgendwie habe ich da nicht so ein gutes Gefühl. Ich glaube, es bräuchte da zusätzliche Unterstützung und sozusagen dann die Initiative von der Fachkraft ausgeht.
KW: Gut, aber die gibt es zu wenig. Das beschreiben Sie. Das gilt auch für andere Bereiche. Diese Stellen sind dünn gesät und da müsste man an den Senat die Aufforderung machen: Seht zu, dass ihr ins Gespräche kommt mit der Psychotherapeutenkammer, beispielsweise in Hamburg, dass dort mehr geschieht. Ich bin sicher, der Senat macht das. Die Frage ist, ob das mit genügend Nachdruck geschieht und ob die Finanzen, die möglicherweise notwendig sind, dafür bereitgestellt werden. Wir sehen, hier gibt es Bedarfe, hier gibt es auch neue Bedarfe.
14:02 Kinderarmut in Hamburg: Hunger ist Alltag in Jugendeinrichtungen
KW: In Hamburg sind 25 Prozent, also jedes vierte Kind, jeder vierte Jugendliche, arm. Hat das irgendwelche Auswirkungen? Merken Sie das?
FH: Das ist auf jeden Fall, was Kollegen aus den Einrichtungen auch berichten. Das macht sich zum Beispiel sehr deutlich daran, dass Kinder und Jugendliche, die in die Einrichtung kommen, sehr hungrig sind. Es war schon immer so, dass es auch mal irgendwie so Kochangebote in den Einrichtungen gab. Eine reguläre Essensversorgung ist eigentlich keine originäre Aufgabe der offenen Kinder- und Jugendarbeit. In den letzten Jahren hat sich aber gezeigt, dass es das braucht. Kinder und Jugendliche kommen so hungrig, dass einfach regulär ein Essensangebot angeboten werden muss. Das wiederum bringt natürlich dann Fachkräfte, die vielleicht auch nur alleine in einer Einrichtung sind, in Bedrängnis, weil sie das irgendwie auch organisieren und finanzieren müssen.
KW: Seit wann merken Sie, dass das ein Problem ist? Es wird in der Öffentlichkeit und auch von der Politik zum Teil bestritten, dass es Hunger in der Stadt gibt. Das, was Sie beschreiben, sind sehr hungrige junge Menschen, die im Grunde, wenn sie zu ihnen kommen, essen und trinken brauchen und zwar sofort.
FH: Genau. Ich kann auf jeden Fall sagen, dass mein Gefühl ist oder das auch, was Kollegen uns zurückmelden, dass mit Corona sich das wirklich noch mal sehr doll verstärkt hat. Ich bin mir sicher, dass es vorher auch schon ein Thema gewesen ist, weil auch vorher schon Kinder in die Einrichtung gekommen sind, die vielleicht in der Schule dann auch mal nicht gegessen haben. Aber in den letzten fünf Jahren, würde ich sagen, hat sich das noch mal sehr verstärkt.
KW: Das ist also regelmäßig jetzt so?
FH: Ich würde sagen, das ist Alltag, Das ist nicht nur regelmäßig, das ist tatsächlich Alltag.
15:42 Finanznot in der Jugendarbeit: Steigende Kosten und fehlende Ressourcen
KW: Es ist eine Problematik, die wir auch als Verband an die Politik weitergeben. Wir werden am 15. Oktober in Hamburg einen Armutsgipfel veranstalten, den große Institutionen, wie der Mieterverein zu Hamburg, der DGB, die Paritäten und wir, der SoVD Hamburg, in Gang setzen. Dort werden wir darüber sprechen. Das geht so nicht. Im Grunde ist es so: An vielen Stellen merke ich, dass es an Finanzen fehlt. Wenn man Menschen einstellen will, braucht man Geld. Wenn man zusätzlich Essensangebote schaffen will, braucht man Geld. Wie ist das mit den laufenden Kosten? Werden Kostensteigerungen, die auch tagtäglich kommen, übernommen?
FH: Das ist tatsächlich schwierig. In der Regel ist es so, dass Kostensteigerungen nicht übernommen werden oder mindestens nicht direkt übernommen werden und eigentlich auch nur in der Initiative von Kollegen in den Einrichtungen, die sich dann politisch organisieren, zum Beispiel in Selbstvertretungen dafür stark machen, dass das dann passiert. Das ist ein riesiges Problem, weil das auch bedeutet, dass Kollegen in der Regel vielleicht in der Mitte des Jahres nicht wissen, ob sie bis Ende des Jahres arbeiten können, weil sie nicht wissen, ob die Gelder reichen. Das ist ein Zustand, der wirklich extrem problematisch ist und das eigentlich nicht sein kann für einen. Wir haben eben auch schon über Demokratiebildung gesprochen. Für einen Bereich, der so gesellschaftlich eine so hohe Bedeutung hat, kann das eigentlich nicht sein.
KW: Eigentlich hat man so das Gefühl, wenn man mit ihnen spricht. So eine hohe Bedeutung hat das gar nicht für die Politik, die das bereitstellen muss und die eine große Verantwortung dafür hat, dass das gerade funktioniert für die jungen Menschen, die nachwachsen und eigentlich dann die Gesellschaft in Betrieb halten müssen.
FH: Das erscheint mir auch manchmal so, dass das so ist. Ich oder wir im Team und auch im Arbeitsfeld haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es Veränderungen und Verbesserungen geben kann. Grundsätzlich braucht es dafür eine Bewegung und Bereitschaft, das zu tun.
KW: Wie kommen Sie jetzt zurecht? Wenn ich das richtig verstehe, reicht das Geld, was der Senat zur Verfügung stellt, nicht aus. Woher bekommen Sie das Geld für zusätzliche Leistung? Eigentlich müsste der Senat das bezahlen. Die Realität ist das, was der Senat zur Verfügung stellt, nicht ausreicht. Es reicht hinten und vorne nicht.
FH: Wir können schon sagen, dass wenn sich die offene Kinder- und Jugendarbeit weiterentwickelt, dass sie tatsächlich bedroht ist. Es gelingt, die offene Kinder- und Jugendarbeit so aufrechtzuerhalten, weil da wirklich sehr engagierte Kollegen sind, die wissen, wie wichtig das ist, was sie da tun. Wir haben jetzt gerade das Beispiel zur Essensversorgung. Wenn das nicht mehr aus den Regelfinanzierungen, die man sozusagen als Finanzierung bekommt, ausreicht, dann sind Kollegen zum Teil verpflichtet, Anträge bei Stiftungen beispielsweise zu stellen, um das finanzieren zu können. Das ist zusätzliche Arbeit und eigentlich auch nicht der Sinn der Sache.
KW: Nein, das nimmt Zeit weg, die eigentlich für die Beziehungsarbeit mit den Kindern zur Verfügung gestellt werden soll. Das geht eigentlich nicht. Wenn man Gelder noch zusätzlich beantragen muss, dann braucht man dafür doch auch personelle Ressourcen.
FH: Das ist so, also im Idealfall bräuchte man gar nicht diese zusätzlichen Anträge, das wäre schon mal schön. Wir haben eben schon festgestellt, also die personellen Ressourcen, die reichen trotzdem nicht aus. Es bräuchte definitiv, das ist eine Forderung von uns mindestens zwei Vollzeitstellen. Trotzdem ist es so, dass sich zeigt, dass die offene Kinder- und Jugendarbeit sich auch Stück für Stück weiterentwickelt und Aufgaben dazukommen. So was wie Anträge schreiben ist dann auch nicht mit dem Antrag erledigt, sondern es braucht auch dann noch einen Bericht darüber, zum Beispiel. Man muss überlegen, welche Stiftung in Frage kommt. Da hängen total viele Arbeitsschritte dran, die einfach Zeit in Anspruch nehmen und dann Zeit für andere Aufgaben nehmen.
KW: Wenn man das mal quantifiziert und ich mir ihre Zahlen anschaue, dann fehlen doch mindestens 100 Stellen.
FH: Für Hamburg, würde ich sagen, auf jeden Fall fehlen mindestens 100 Stellen. Da ist eigentlich auch noch Luft nach oben, Das reicht eigentlich noch nicht. Man könnte die Arbeit auch noch deutlich mehr ausbauen im Sinne der Kinder und Jugendlichen ihre Kinder- und Jugendrechte ernst nehmen und dementsprechend die Arbeit ausrichten.
20:06 Vernetzung der OKJA stärken und politische Schlagkraft erhöhen
KW: Sie beschreiben das, wie ich finde, sehr plastisch. Wir haben große Probleme durch die Digitalisierung. Das geht in die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder hinein. Da gibt es problematische Entwicklung. Es gibt immer mehr Armut in Hamburg, die bei Ihnen einschlägt, indem Sie sagen, die Kinder kommen richtig hungrig dahin. Das heißt, es gibt Hunger in der Stadt, was man sich gar nicht vorstellen kann, und es fehlen enorme Finanzmittel. Wenn man nur an die 100 Stellen denkt, darauf verweisen Sie, dann ist das schon enorm. Das heißt, wir müssen gemeinsam auf die Politik zugehen und ihnen sagen: Pass mal auf, hier macht ihr was ganz falsch. Das muss umgedreht werden, auch in Zeiten, wo die Gelder knapp sind. Würden Sie das so sehen?
FH: Es gibt, das hat sich jetzt, in den letzten zwei Jahren entwickelt, auch ein Zusammenschluss mehrerer Träger der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Sie nennt sich AG Träger, die auch in diese Richtung ganz offensiv arbeitet und auch an die Behörde herantritt und auch schon einige Positionspapiere verfasst hat. Ich glaube, es braucht auch diesen Zusammenschluss untereinander dringend, weil es auch eine Ungleichbehandlung von Trägern gibt. Das ist einfach faktisch für bestimmte, extra Mittel, die man bekommt. Da gibt es so Pauschalen, die man kriegt für administrative Aufgaben oder sowas in der Art und da müssen wir zusammenkommen und gemeinsam fordern.
KW: Der SoVD ist da schon sehr lange unterwegs, hat dazu Positionspapiere und wir machen natürlich auch Gespräche immer wieder, vor allen Dingen mit den Fürsprechern in den Behörden. Das müssen wir, wenn wir das richtig sehen, verstärken, weil hier unsere Gesellschaft in Gefahr kommt. Das ist ganz problematisch, gerade bei jungen Menschen. Wir wissen, wir gehen auf die Politik zu. Da gibt es aber auch das Projekt “Tu was”, die eine Vernetzung vorgenommen haben von verschiedenen Einrichtungen, die zusammenbringen, mit der Politik zusammenbringen und Forderungen stellen. Das, was ich wahrnehme in diesen Veranstaltungen, denen ich selbst natürlich auch teilnehme, ist, dass die Politik durchaus oder wenn man so will, die Behörden und Verwaltung in Hamburg durchaus offen dem Problem gegenüberstehen, aber nicht so richtig wissen, wie sie helfen.
FH: Genau das “Tu was”-Bündnis. Da bin ich tatsächlich auch selber Teil von. Wir haben jetzt zwei Kinder- und Jugendhilfe-Gipfel bisher gemacht, wo wir uns untereinander vernetzen und auch die unterschiedlichen Arbeitsbereiche zusammenbringen. Mein Eindruck ist auch, dass wir tatsächlich in Hamburg schon einiges bewegen konnten und auch eine große Öffentlichkeit für die verschiedenen Themen der Kinder- und Jugendhilfe herstellen konnten. Das würde ich sagen, ist auf jeden Fall schon mal ein Erfolg. Deswegen auch vielleicht noch mal der Appell an alle Kollegen, die sich auch so ein bisschen unsicher fühlen oder unzufrieden sind, dass wir uns einfach vernetzen und sozusagen solche Initiativen und Bündnisse unterstützen.
KW: Das Problem ist, dass die, die für Finanzen zuständig sind, hier in Hamburg der Finanzsenator sagt, die Steuern und Abgaben werden weniger oder steigen nicht so, wie man sie eigentlich braucht. Da sagen wir, als Verband, warum macht ihr das nicht so, dass diejenigen, die starke Schultern haben, mehr leisten? Zum Beispiel Menschen mit hohem Vermögen, Menschen mit hohem Einkommen? Für Erbschaften muss man gar nichts tun, außer abzuwarten, dass sie einen erreicht. Das sind aus unserer Sicht die drei wesentlichen Bereiche, wo man sagt, dass wir gerade in schwieriger Zeit darauf zurückgreifen. Da kann man jetzt auch nicht immer nur auf die Politik schimpfen, außer dass man sagen kann, warum fordert ihr das eigentlich nicht und warum geht ihr nicht auf die zu, die helfen können?
24:21 Ausblick und Herausforderungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit
KW: Ich würde gern noch eine Abschlussfrage an Sie stellen wollen. Wenn Sie jetzt einen Wunsch frei hätten, was wäre sozusagen das Dringendste, was jetzt eigentlich aus Ihrer Sicht gelöst werden muss?
FH: Das ist eine große Frage.
KW: Sie dürfen auch zwei oder drei Dinge nennen.
FH: Es ist dringend notwendig, dass die Arbeitssituation in den Einrichtungen verbessert wird.
KW: Brennen die Menschen eigentlich aus in diesen Einrichtungen, wenn im Grunde ganz viele Kinder auf sie zukommen, aber sie im Grunde, wenn man von diesen allein Einrichtungen, wo nur ein Mitarbeiter ist, ausgeht, dann ist das doch so, oder?
FH: Das lässt sich sogar ausweiten, und zwar nicht nur auf Einrichtungen, wo eine Person ist, sondern generell. Das ist wirklich ein Arbeitsfeld, was Fachkräfte sehr fordert, was auch von der Arbeit her auch mit Herausforderungen verknüpft ist. Dementsprechend würde ich schon sagen, dass es eine Belastung für die Mitarbeitenden der offenen Kinder- und Jugendarbeit ist. Ich wollte gerade auch darauf hinaus, dass es wichtig ist, dass die Einrichtungen wirklich gut ausgestattet sind. Das ist ein Wunsch, den ich habe, weil das etwas verändern kann. Was ich mir auch wünsche, ist, dass Kinder und Jugendliche ernst genommen werden in ihren Rechten, dass man ihnen zuhört und dass man auch Räume dafür schafft, dass sie gehört werden können. Weil das in der offenen Kinder- und Jugendarbeit oft der Fall ist. Gesamtgesellschaftlich gesehen ist die offene Kinder- und Jugendarbeit kein nice to have. Das ist ein gesetzlicher Auftrag, den wir haben, denn Kinder und Jugendliche haben ein Recht darauf. Das ist auf jeden Fall ein Wunsch von mir. Dass wir sozusagen in einer gesamtgesellschaftlich einfach größer in Erscheinung treten und die Bedeutung für alle sichtbar wird und verstanden wird.
SR: Sichtbar und verstanden werden. Es ist jetzt noch mal mein Stichwort zum Ende hin. Es gibt nämlich einen Termin, wo man die Arbeit der einzelnen Einrichtungen, der offenen Kinder und Jugendarbeit kennenlernen kann. Worum geht es da?
FH: Am 26. September 2025 findet wieder der Tag der offenen Kinder- und Jugendarbeit statt. Das ist eine bundesweite Kampagne. In Hamburg werden wir an einem zentralen Ort, den wir noch bekannt geben, zusammenkommen. Es werden Kinder, Jugendliche, Mitarbeitende und politische Verantwortliche eingeladen und es gibt ein vielfältiges Bühnenprogramm, Redebeiträge und eine politische Plauderecke. Es geht einfach darum zu zeigen, dass wir für eine solidarische und vielfältige Gesellschaft sind und uns dafür einsetzen, gemeinsam und zusammen auf die Straße kommen.
SR: Das wird bestimmt ganz spannend. Ich bin auf jeden Fall nach diesem Gespräch absolut sicher, dass alle Träger, die bei Ihnen mit organisiert sind und die sich darum kümmern, dass Kinder und Jugendliche hier in Hamburg eine Anlaufstelle haben, auch ein zweites Zuhause, dort, wo sie einfach mal sagen können, was sie denken, ohne dass sie gleich gemobbt werden und wo sie, wenn sie Hunger haben, auch was zu essen bekommen. Wirklich, so ein richtiger Hafen sind – eine zweite Anlaufstelle. Das ist unglaublich wichtig und das ist auch hier der Sinn dieses Podcasts gewesen. Vielen Dank, dass Sie da waren und viel Erfolg weiterhin bei Ihrer Arbeit.
KW: Herzlichen Dank und viel Erfolg auch nochmal von meiner Seite, für das, was Sie auch fordern, dass es erfüllt wird.
FH: Vielen Dank.
SR: Das war “Sozial? Geht immer!” – Der Podcast des SoVD Hamburg. Abonnieren Sie uns auf den gängigen Plattformen und wenn es Ihnen gefallen hat, geben Sie uns dort gerne eine gute Bewertung ab. Oder Sie schicken uns Ihr Feedback an info@sovd-hh.de. Wir freuen uns, wenn Sie auch das nächste Mal wieder reinhören. Bis dahin halten wir Sie auf unseren Social Media Kanälen auf dem Laufenden oder besuchen Sie unsere Webseite sovd-hh.de.










