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Unter­brin­gungs­hilfe: Die Not ist groß beim Kinder- und Jugend­not­dienst in Hamburg

In der Kinder- und Jugendhilfe besteht grundlegend Handlungsbedarf:

„In Hamburg wird dort im Grunde genommen nur noch der Notstand verwaltet. Das gilt vor allem für Unterbringungseinrichtungen des Kinder- und Jugendnotdiensts: 120 statt der regulär vorgesehenen 50 Aufnahmeplätze – pädagogische Arbeit ist nur noch schwer möglich. Es fehlt an Geld und der Betreuungsbedarf steigt ständig. Das Ergebnis – viele Kolleg:innen sind überlastet und dauerkrank. Senat und Sozialbehörde müssen jetzt aktiv werden, das jetzige Konzept wird misshandelten und vernachlässigten Kindern und Jugendlichen nicht mehr gerecht“, warnt Klaus Wicher.

Die Lage in der Kinder- und Jugendhilfe ist generell angespannt: Es muss gespart werden, die Schuldenbremse und eine anhaltende Inflation schmälern die ohnehin schon zu kleinen Budgets zusätzlich. Der Spardruck, kombiniert mit einem Fachkräftemangel, trifft vor allem Kinder aus finanziell schlecht aufgestellten Elternhäusern, die auf soziale und pädagogische Angebote und Unterstützung angewiesen sind. 

Der Bedarf steigt – das zeigt ganz klar der Blick auf die Armutsgefährdungsquote die 2024 im Vergleich zum Vorjahr um weitere zwei Prozent stieg und für unter 18‐Jährige im Vergleich zum Vorjahr bei 26,3 Prozent und damit fast fünf Prozent höher war als im Bundesdurchschnitt: „Das bedeutet für die offene Kinder- und Jugendarbeit, dass hier immer mehr das geleistet werden muss, was im Elternhaus nicht möglich oder nicht vorhanden ist. Darum sind Einrichtungen wie der Kinder- und Jugendnotdienst (KJND), in denen Kinder und Jugendliche sofort aus einer eskalierten Familiensituation herausgenommen und untergebracht werden können, überaus wichtig und notwendig – da sind sich Sozialpädagog:innen, SoVD, Senat und Sozialbehörde einig“, erklärt Wicher. 

Alle Bereiche der Kinder‐ und Jugendhilfe sind vom Notstand betroffen, von der pädagogische Kita-Betreuung bis zu Familienförderung, dem Kinder‐ und Jugendnotdienst und den Allgemeinen Sozialen Diensten: „Die Mitarbeitenden sind diejenigen, die das alles tragen müssen. Sie haben eine immer größere Arbeitsbelastung, weil Fachkräfte und Stellen fehlen. Daraus resultiert eine starke Personalfluktuation und ein hoher Krankenstand“, so Wicher. Er fordert deshalb eine bessere und verlässliche finanzielle Ausstattung, sowie einen besseren Austausch zwischen Verwaltung und Sozialarbeiter:innen: „Einrichtungen der Jugendhilfe brauchen eine bessere Vernetzung. Das wäre nachhaltiger und könnte mehr Synergien erzeugen. Man würde sparen und gleichzeitig die Qualität der Arbeit und die Lage der auf Hilfe Angewiesenen verbessern“.

Ganz akuten Handlungsbedarf gibt es aktuell beim KJND. Er nimmt Kinder- und Jugendliche aus den Familien, wenn die Situation eskaliert ist. Sie werden zentral in der Feuerbergstraße untergebracht: „Aus sozialpädagogischer Sicht werden hier aber die jungen Menschen eher verwahrt als betreut“, berichtet Wicher. 

Die Lage dort sei weit weg von einem guten pädagogischen Angebot: „Vom Mädchenhaus bis zur Unterbringungshilfe, vom Ambulanten Notdienst bis zur Erstaufnahme unbegleiteter Minderjähriger Flüchtlinge – alles befindet sich an einer einzigen Anlaufstelle. Hier werden zu viele junge Menschen zusammengebracht, die ganz unterschiedliche Lebens- und Leidenserfahrungen mitbringen und traumatisiert sind“. Sprachbarrieren, ein allpräsenter Sicherheitsdienst, wechselnde Schichten bei den Betreuer:innen und fremde Lebensumstände an einem fremden Ort würden zusätzlich dazu beitragen, dass bei vielen ein pädagogischer Ansatz nicht mehr möglich ist. „So besteht die Gefahr, dass Kinder ein weiteres Mal traumatisiert und zu Systemsprenger:innen gemacht werden“.

Für den KJND fordert Wicher gemeinsam mit vielen Fachleuten ein neues Betreuungskonzept mit dezentralen Strukturen und deutlich mehr Bereitschaftspflegestellen: „Solche Noteinrichtungen sind eine wichtige erste Hilfe für traumatisierte Kinder und Jugendliche. Sie sind keinesfalls Einrichtungen der stationären Hilfe und können auch nicht deren Arbeit leisten.“

Der Anfang Mai stattgefundene Kinder- und Jugendhilfe-Gipfel habe einen neuen Austausch zwischen Zivilgesellschaft und Sozialbehörde angestoßen, der müsse fortgesetzt werden: „Das wäre im Interesse der jungen Menschen.“ 

Der SoVD Hamburg (Sozialverband Deutschland e.V., Landesverband Hamburg) ist ein gemeinnütziger Verein, in dem über 25.000 Mitglieder organisiert sind. Der SoVD Hamburg ist der größte Sozialverband in der Hansestadt. Seine Mitglieder berät der SoVD sozialrechtlich zu Fragen rund um die Themen Rente, Kranken- und Pflegeversicherung, Schwerbehindertenrecht, Grundsicherung und Arbeitslosenversicherung. In Widerspruchs- und Klageverfahren übernimmt er ihre sozialrechtliche Vertretung. 

Presse-Material

Kontakt
Susanne Rahlf
Pressesprecherin
Telefon: 0151 445 456 93
E-Mail: presse@sovd-hh.de

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