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Studie der Deutschen Rentenversicherung (DRV) zu Altersarmut

Mit Blick auf das Jahr 2030 sagt eine neue Studie der DRV: „Es gibt keinen Tsunami bei der Altersarmut“. Für Klaus Wicher, Hamburger SoVD-Chef, ist die Untersuchung zu oberflächlich und verharmlost das Problem der Armut im Alter – ob existierend oder drohend.

Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) hängt sich mit ihrer neusten Untersuchung zur Gefahr der Altersarmut weit dem Fenster. Sie kommt zu dem Schluss: Die Rente ist sicher. Das möchte zumindest Bruno Kaltenborn, Autor der Studie, vermitteln. Er hat festgestellt, dass heute fast jeder Dritte in Deutschland in diffuser Angst davor lebt, im Alter arm zu sein oder sogar Grundsicherung beantragen zu müssen: „Aus der Altersarmut gibt es wenig Chance auf ein Entkommen“ gibt auch Kaltenborn zu.
Er wagt den Blick in die Glaskugel und prognostiziert, dass die Zahl der Ruheständler, die auf staatliche Grundsicherung angewiesen sind, bis zum Jahr 2030 im ungünstigen Fall auf etwas mehr als eine Million steigen könnte. Die Armutsquote läge dann bei 5,5 Prozent. Heute sind es 3,1 Prozent. In allen Altersgruppen der Ruheständler, die Grundsicherung bezögen, ließe sich zwar laut Kaltenborn ein Anstieg beobachten. Dennoch ist er sich sicher: „Es gibt keinen Tsunami bei der Altersarmut“.

Für Klaus Wicher, 1. Landesvorsitzender Sozialverband Deutschland e.V. (SoVD) in Hamburg, ist die Studie zu kurz gedacht: „Hier wird nur die real existierende Altersarmut betrachtet. Herr Kaltenborn vergisst aber diejenigen Menschen, die armutsgefährdet sind, oder die nur wenig mehr haben. Wer 1.000 Euro oder weniger zur Verfügung hat, hat in unserer teuren Stadt definitiv zu wenig zum Leben und steht an der Grenze zur Armut.“ Aus seiner Sicht sind diejenigen, die sich im Alter allein auf die Zahlungen aus der Rentenversicherung verlassen, verraten und verkauft: „Die Studie zeigt auch ganz klar: Hier hat nur derjenige eine Chance auf ein gutes Leben im Alter, der viele Jahrzehnte kontinuierlich in die Rentenkasse eingezahlt und darüber hinaus gut vorgesorgt hat. Wer in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeitet, das sind vor allem viele Frauen und Alleinerziehende, kann dies nicht leisten. Dies gilt ebenso für Langzeitarbeitslose. Auch Menschen, die Erwerbsminderungsrente bekommen, müssen, wenn sie nicht zusätzlich für das Alter abgesichert haben, mit teilweise sehr wenig Geld auskommen.“ Wicher und der SoVD plädieren deshalb schon seit langem dafür, eine Erwerbstätigenversicherung einzuführen, in die alle einzahlen.

Wicher hat noch mehr Grund zur Skepsis: „Hier werden auf Basis von Daten aus der Vergangenheit Rückschlüsse auf die Zukunft in zwölf Jahren gezogen. Allerdings weiß doch heute noch keiner, wie sich unsere Wirtschaft und der Arbeitsmarkt bis dahin entwickeln. Ich glaube nicht, dass wir uns jetzt zurücklehnen können. Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass das Problem Altersarmut besteht und es nur noch verwalten.“

Allein schon die Entwicklung der Armutsgefährdungsquote in Hamburg müsse man ernstnehmen, so Wicher: „Vor zehn Jahren lag sie bei den über 65-Jährigen bei 9,6 Prozent, 2016 bei 16,3 Prozent, aktuell sind das knapp 53.000 Menschen. 25.500 Seniorinnen und Senioren sind schon ganz unten angekommen und müssen von „Alters Hartz IV“ leben, weil die Rente nicht reicht.“

Für ihn ist außer Frage, dass die Prognose auf eine Million Menschen, die 2030 bundesweit im Alter auf Grundsicherung angewiesen sein werden, auf wackeligen Beinen steht: „Klar ist, dass gerade für Kinder und Jugendliche, die in Armut aufwachsen, die Perspektiven nicht besonders gut sind.“ Beispielsweise seien knapp 40 Prozent aller alleinerzogener Kinder und gut die Hälfte der alleinerzogenen Kinder mit Migrationshintergrund armutsgefährdet. „Menschen, die ein niedriges Einkommen haben, unterdurchschnittlich gebildet sind oder einen Migrationshintergrund haben, sind meist nicht in der Lage, für eine gute Altersabsicherung zu sorgen.“ Auch wenn immer mehr langfristig beschäftigt seien, bedeute es für bildungsfernere Schichten nicht, dass sie im Alter sorgenfrei leben könnten, so Wicher weiter: „Wenn sich ungefähr drei Viertel der Personen im untersten Einkommenssektor nicht um eine zusätzliche private Vorsorge kümmern, dann wird sich daraus  zwangsläufig ein signifikanter Anstieg der künftigen Altersarmutsquote ergeben.“

Studienleiter Kaltenborn verlasse sich aus Wichers Sicht zu sehr auf eine weiterhin positive Wirtschaftsentwicklung. Die Hoffnung auf die Maxime „Der Markt wird es schon richten!“ zu setzen, hält er für brandgefährlich. „Wir haben einen fest etablierten Niedriglohnsektor, der eine umfassende Einzahlung in die Rentenkasse verhindert. Außerdem ist durch das langanhaltende Niedrig-Zinsniveau auch die private Vorsorge, wie zum Beispiel durch Lebensversicherungen, heutzutage keine gute und verlässliche Absicherung mehr. Ich würde mir wünschen, dass Herr Kaltenborn mit seiner Aussage, dass wir 2030 nicht mehr Seniorinnen und Senioren in Grundsicherung haben werden als heute, Recht behält – glauben kann ich daran allerdings nicht.“

SoVD Sozialverband Deutschland e.V., Landesverband Hamburg
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