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SoVD-Stellungnahme zum Lebenslagenbericht „Familien in Hamburg“

Die wichtigsten Fakten aus der gemeinsamen Stellungnahme von Klaus Wicher, 1. Landesvorsitzender Sozialverband Deutschland e.V. (SoVD) in Hamburg, und dem Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Timm Kunstreich zum Lebenslagenbericht „Familien in Hamburg“ des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg.

Der Lebenslagenbericht zeichnet ein Bild über die aktuelle Situation von Familien und ihren Kindern in der Hansestadt. Er dient als Indikator dafür, wie vor allem Kinder, die in Armut und sozial benachteiligt aufwachsen, gefördert werden können, um mehr Chancengleichheit für einen guten Start ins Erwachsenenleben zu schaffen. Gleichzeitig liefert er Einblicke in die Sozialpolitik des Hamburger Senats und dessen Maßnahmen, Versuche sowie Erfolge, im Kampf gegen Armut.

Die Analyse des Lebenslagenberichts durch den Hamburger SoVD-Landesvorsitzenden Klaus Wicher und den Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Timm Kunstreich kommt zu folgendem Ergebnis: Im Kampf gegen Armut hat der Hamburger Senat zwar einiges auf den Weg gebracht, ein wirklich durchschlagender Erfolg ist aber nicht zu erkennen!

In 181.510 Hamburger Haushalten leben 300.535 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Über die Hälfte von ihnen stammen aus Familien mit Migrationserfahrungen. Stadtteile, in denen viele Kinder leben, sind zugleich von Armut geprägt.Erschreckend ist, dass laut Landesmedian die Armutsgefährdungsquote bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren seit 2007 auf einem Niveau von rund 25 Prozent verharrt. Bei den 18- bis 25-Jährigen ist sie in diesem Zeitraum sogar gestiegen: von 28,5 auf 36,9 Prozent!

Ein gesichertes Einkommen und adäquater Wohnraum sind die Basis für die Entwicklung von Kindern. Je vielfältiger die Zugänge zu den sozialen Räumen sind, die durch das Wohnumfeld, die Kita und die Schulbetreuung gestaltet werden, desto größer ist für sie die Chance auf eine Zukunft jenseits von Armut.
 

Im Einzelnen untersucht der Lebenslagenbericht fünf Handlungsfelder, die wichtige Weichensteller für die Entwicklung und Zukunft von Kindern sind. Beleuchtet werden Einkommen und Versorgung, Wohnen und Lebensumfeld, Lernen und Erfahrungen, Regeneration und Erholung sowie Verfügbarkeit und Teilhabemöglichkeit. Aus der Analyse heraus haben Wicher und Kunstreich konkrete Forderungen an den Senat entwickelt.

Einkommen und Versorgung

Als „materielle Basis“ des familiären Lebens definieren Einkommen und Versorgung immer noch Armut und Wohlstand in unserer Gesellschaft. Der Lebenslagenbericht stellt fest, dass vor allem Alleinerziehende, Paare mit drei und mehr Kindern, Menschen mit Migrationshintergrund und solche mit niedrigem Bildungs- und Ausbildungsniveau besonders stark armutsgefährdet sind. So haben beispielsweise Alleinerziehende mit zwei und mehr Kindern mit monatlich 865 Euro pro Kopf nur gut die Hälfte des Einkommens einer Familie mit nur einem Kind zur Verfügung.

Gründe dafür sind unter anderem eine mangelhafte finanzielle Unterstützung in den Bereichen Hartz IV und Grundsicherung sowie eine unzureichende Förderung und Unterstützung von Alleinerziehenden und kinderreichen Familien. Je mehr Nachwuchs, desto geringer die Erwerbstätigenquote von Müttern (weniger als die Hälfte aller Frauen mit niedrigem Bildungsniveau haben einen Job, dagegen arbeiten fast 80 Prozent aller Mütter mit gehobenem Schulabschluss).

Forderungen

  • Reform des SGB II und SGB XII: Hier muss deutlich mehr für das Existenzminimum bereitgestellt werden; Kinder brauchen einen eigenen Grundsicherungssatz
  • Weniger Mini- und Teilzeitjobs; Rückkehr zu sozialversicherungspflichtigen Tätigkeiten in allen Arbeitsmarktsegmenten
  • Aufbau eines Sozialen Arbeitsmarkts mit Hamburger Mitteln
  • Leichtere Anerkennung von Schul- und Ausbildungsabschlüssen
  • aus anderen Staaten; mehr Unterstützung bei Bewerbung und beim Übergang von Schule zu Beruf
  • Stärkung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Wohnen und Lebensumfeld

Neben der finanziellen Situation spielen auch das Wohnen und das Lebensumfeld eine große Rolle bei der Frage, ob Kinder und Jugendliche Perspektiven für die Zukunft entwickeln können. Die Qualität der sozialen Kontakte, wie die zur Nachbarschaft, zu Vereinen oder Freundeskreisen haben dabei ebenso Einfluss auf die Entwicklung von Kindern, wie auch die Größe, Aufteilung und Lage der Wohnung oder auch das Angebot in Kita und Schule.

Forderungen

  • Mehr bezahlbarer Wohnraum: Hamburg braucht mindestens 5.000 neue Sozialwohnungen pro Jahr; im Umfeld muss ein ausreichendes Sport- und Freizeitangebot vorhanden sein
  • Kostenlose Teilnahme am ÖPNV; ein erster Schritt ist die Einführung der „Schüler-Zeitkarte im Abonnement“
  • Familienberatung sowie frühe Hilfen stärken und ausbauen

Krippe, Kita und Schule

Trotz der Erfolge im Ausbau des Betreuungsangebots ist es immer noch eine Tatsache, dass der Schulerfolg stark von der sozialen Stellung der Eltern abhängig ist.

Forderungen

  • Kindertagesbetreuung kostenlos anbieten, bedarfsgerecht weiterentwickeln und die Qualität verbessern; die Kita muss als Bildungseinrichtung vor und neben der Schule aufgewertet werden
  • Mehr kostenlose Angebote: Beispielsweise Lernförderung an Schulen, Frühstück- und Mittagessen für alle Kinder und Jugendlichen, Betreuung und Bildung von der Kita bis zur Universität
  • Bessere Sprachförderung, besonders für Menschen mit Migrationshintergrund. Gerade für sie ist die Aneignung der Deutschen Sprache eine existenzielle Voraussetzung, um in Schule, Ausbildung und Arbeit eine Perspektive zu haben

Regeneration und Erholung

Regeneration und Muße erfüllen einen wichtigen und vitalen Zweck. Hier kommen Gleichaltrige zusammen, deshalb hat die Bildung in den Bereichen Sport, Musik, Kultur oder auch Ernährung für sie eine große Bedeutung.

Forderungen

  • Mehr Gesundheitsförderung und Prävention in Form von Projekten in Kita und Schule, aber beispielsweise auch in der Suchthilfe
  • Erweiterung der Angebote der Offenen Kinder- und Jugendarbeit


Der Lebenslagenbericht beschäftigt sich auch mit der Frage, in wie weit Menschen in Hamburg über das eigene Leben selbst entscheiden können, und wo sie aus den verschiedensten Gründen an ihre Grenzen stoßen. Ein wichtiger Aspekt – denn soziale Hilfen und Angebote können nur dann erfolgreich sein, wenn die Angesprochenen sich gesehen und wahrgenommen fühlen. Dies ist nicht nur existenziell wichtig, wenn es darum geht, Eltern zu beteiligen. Auch für Mentoren, Stadtteilmütter oder jugendliche Selbstorganisationen ist dies wichtig, da sie in ihrer Arbeit darauf angewiesen sind, ihre Zielgruppen zu erreichen.

Insgesamt brauchen Kinder, Jugendliche und Familien niedrigschwellige Zugänge zu allen Ressourcen, die einen Ausstieg aus der Armutsfalle ermöglichen. Ein gesichertes Einkommen und adäquater Wohnraum sind die Basis hierfür. Je vielfältiger darüber hinaus die Zugänge zu sozialen Angeboten sind, desto leichter können Kinder und Jugendliche ganz individuell ihre Neigungen, Talente und Qualitäten entwickeln und realisieren.

Ziel der Hamburger Sozialpolitik muss es sein, für alle Kinder in Hamburg Chancengerechtigkeit herzustellen indem die Ursachen und die Folgen von Armut noch stärker bekämpft werden als bisher!


Zur vollständigen Stellungnahme des SoVD zum Lebenslagenbericht Familien in Hamburg des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg

SoVD Sozialverband Deutschland e.V., Landesverband Hamburg
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