Der SoVD Hamburg warnt angesichts der miserablen medizinischen Versorgungssituation in Steilshoop vor einer Gesundheitskrise in einem der größten Stadtteile Hamburgs und fordert Senat und Bürgerschaft zum schnellen Handeln auf. Die massive Versorgungslücke trifft besonders ältere, chronisch kranke und mobilitätseingeschränkte Menschen.
Lediglich eine einzige, nicht barrierefreie Hausarztpraxis steht in Steilshoop für die medizinische Grundversorgung von rund 20.000 Menschen noch zur Verfügung. Denn nach den Weihnachtsfeiertagen wurde eine von den zwei verbliebenen Hausarztpraxen in Steilshoop geschlossen. Der Versorgungsnotstand steht auf der Tagesordnung für die nächste Hamburger Bürgerschaftssitzung. Klaus Wicher erklärt dazu: „Es ist bedenklich, dass Menschen in einem Stadtteil wie Steilshoop, der ohnehin mit vielen sozialen Herausforderungen kämpft, im Stich gelassen werden, wenn es um die medizinische Versorgung geht. Wir fordern Senat und Bürgerschaft auf, schnell und konsequent Gesundheitszentren in benachteiligten Stadtteilen aufzubauen.“
Laut Medienberichten steht die Umsetzung für Steilshoop auf der Kippe, da im reichen Hamburg angeblich das Geld fehlt. „Das stimmt so einfach nicht“, meint Wicher. „Außerdem ist Gesundheit Daseinsvorsorge. Das sollte der Senat nicht vergessen. Hier zeigt sich außerdem, warum sozial benachteiligte Menschen ein größeres Risiko haben, ernsthaft zu erkranken und sogar früher zu versterben. Dies trifft vor allem ältere Menschen, chronisch Kranke sowie Personen mit eingeschränkter Mobilität. Für sie sind weite Wege in andere Stadteile eine sehr hohe Hürde.“
Nach Aussagen der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg (KVH) besteht eine „statistische Überversorgung“ mit Hausärzt:innen in Hamburg. Das weist der SoVD Hamburg entschieden zurück: „Wenn Menschen in sozial benachteiligten Stadtteilen keinen Arzt finden, bedeutet das, dass eine medizinische Versorgung faktisch nicht mehr vorhanden ist. Versorgungsplanung darf sich nicht an abstrakten Durchschnittswerten und veralteten Zahlen orientieren, sondern muss die Lebensrealität der Menschen berücksichtigen.“
In der Metropole Berlin zeigt sich, dass es auch anders geht: Hier ist die ärztliche Versorgungsplanung kleinteiliger organisiert. Dadurch können Engpässe gezielt behoben werden. Hamburg hingegen wird nach wie vor als ein einheitlicher Versorgungsraum betrachtet – mit der Folge, dass Stadtteile trotz offensichtlicher Defizite als überversorgt gelten und sogar noch verbliebene Arztsitze entfallen können, wenn Praxen aufgegeben werden.
Der SoVD Hamburg fordert die Politik dringend auf, sich auf Landes- und Bundesebene dafür einzusetzen, dass auch Hamburg künftig in mehrere Versorgungsbezirke aufgeteilt wird. Nur so könne sichergestellt werden, dass soziale Unterschiede, demografische Strukturen und konkrete Bedarfe einzelner Stadtteile in der Bedarfsplanung tatsächlich berücksichtigt werden, meint Wicher: „Wenn ein Stadtteil auf dem Papier als überversorgt gilt, die Hausarztpraxen aber faktisch fehlen, dann stimmt etwas Grundlegendes im System nicht. Gesundheit darf in Hamburg nicht nach Durchschnittswerten organisiert werden. Wir brauchen eine Versorgungsplanung, die sich am Menschen orientiert, und eine Stadt, die Gesundheitszentren dort schafft, wo der Bedarf besonders groß ist. Hamburg muss endlich von der Statistik-Logik weg und hin zu einer gerechten, stadtteilbezogenen Gesundheitsversorgung.“
