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Der SoVD hakt nach: Gesund­heitliche Chancen­gleich­heit in den Quartieren?

Drei Fragen und Ant­worten mit Tim Angerer, Staats­rat der Behörde für Gesund­heit, Soziales und Integration.

Der SoVD Hamburg stellte drei Fragen an Tim Angerer, Staatsrat der Behörde für Gesundheit, Soziales und Integration. Sein Bereich: Gesundheit.

Die Verteilung von Arztpraxen in der Stadt ist sehr ungleich, niedergelassene Ärzt:innen haben immer mehr Schwierigkeiten, Praxisnachfolger:innen zu finden – vor allem in sozial benachteiligten Gegenden. Es gibt Stadtteile ohne Kinderarzt oder -ärztin sowie ohne hausärztliche Versorgung. Welche Möglichkeiten sehen Sie, hier gegenzusteuern?

Die Entscheidung über Zulassungen liegt bei der Selbstverwaltung, der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg (KVH). Die Möglichkeiten des Senats sind begrenzt. Der Bund muss endlich tätig werden. Die Sozialbehörde setzt sich auf Bundesebene für eine kleinräumigere Bedarfsplanung und zielgerichtete Verortung von Vertragsarztsitzen ein. Zudem muss sie Einfluss auf die Entscheidungen der Zulassungsausschüsse bekommen. Das heutige System befördert keine gerechte regionale Verteilung in den Stadtteilen. Die Sozialbehörde hat deshalb bereits 2014 gemeinsam mit der KVH das „Maßnahmenpapier zur flexiblen Gestaltung der ambulanten Versorgung in Hamburg“ beschlossen. So wird zum Beispiel bei der Verlegung von Sitzen von Haus- und Kinderärzt:innen über einen Radius von mehr als drei oder vier Kilometern auf die lokale Versorgungssituation geachtet. Weiterhin hat der Senat insgesamt sechs Lokale Gesundheitszentren (LGZ) in schlechter versorgten Stadtteilen eingerichtet.

Wie können mögliche neue Ansätze der Steuerung dafür sorgen, dass höhere Krankheits- und Sterblichkeitsraten von Menschen mit geringen Einkommen im Vergleich zu besser situierten Menschen sinken?

Ein zentrales Ziel der Gesundheitsförderung in Hamburg ist die Verbesserung gesundheitlicher Chancengleichheit. Im Rahmen der Umsetzung des Präventionsgesetzes verfolgt der Senat dieses Ziel in Zusammenarbeit mit den Krankenkassen. Die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel werden gezielt in Projekte investiert, die in entsprechenden Stadtteilen ansetzen. Die gemeinsam finanzierten Lokalen Vernetzungsstellen Prävention (LVS) sind ein gutes Beispiel. Sie unterstützen eine bedarfsgerechte, quartiersbezogene Gestaltung der Gesundheitsförderung und schaffen bessere Zugänge für die Bevölkerung zu gesundheitsfördernden Maßnahmen.

Der 2024 gerade erst eröffnete Gesundheitskiosk in Bramfeld muss wieder schließen, weil die Finanzierung nicht gesichert ist. Die Nachfrage nach medizinischer Beratung war groß, aber das Angebot konnten nur Mitglieder der AOK Rheinland/Hamburg und der Mobil Krankenkasse (MKK) nutzen. Muss es nicht im Sinne von Prävention gerade mehr Gesundheitskioske in sozial benachteiligten Quartieren geben statt weniger?

Hamburg setzt auf die LVS sowie auf Lokale Gesundheitszentren (LGZ). Sie können von allen Bürger:innen in Anspruch genommen werden. In den LGZ findet man viele Elemente aus den Gesundheitskiosken wieder. Sie kooperieren mit einer hausärztlichen Praxis sowie vielfältigen anderen gesundheitsbezogenen Angeboten im jeweiligen Umfeld. Der Senat fördert die bestehenden sechs LGZ als Modellprojekt, um ein derartiges Primärversorgungsmodell in Hamburg zu etablieren. Auf Bundesebene setzen wir uns dafür ein, dass Primärversorgungszentren im SGB V verankert werden, um einen niedrigschwelligen und multiprofessionellen Versorgungsansatz in sozio-ökonomisch benachteiligten Stadtteilen einzuführen. Mit den Bezirken steht die Sozialbehörde in engem Austausch, um die Ansiedlung ärztlicher Einrichtungen vor Ort zu unterstützen.

SoVD Sozialverband Deutschland e.V., Landesverband Hamburg
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