SoVD Hamburg
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Armut verhindert Teilhabe an der Gesellschaft

Der vom SoVD für den 7. Mai angemietete Saal war viel zu klein. Es mussten Stühle dazugestellt werden, um für alle Platz zu schaffen. Am Ende füllten rund 120 Besucher und Besucherinnen den Raum bis auf den letzten Platz. Inge Jefimov, 1. Landesvorsitzende begrüßte alle Anwesenden und die Akteure der Veranstaltung. Sie führte mit den Worten ein, "Jedes vierte Kind in Hamburg lebt in Armut - Dem gegenüber verfügen die 36 reichsten Personen der Hansestadt Hamburg über mehr als 50 Milliarden Euro Vermögen, dem Fünffachen des Hamburger Haushalts."
Besonders wichtig ist uns die Beteiligung der Kirchen, denn sie einen unter ihrem Dach viele Menschen, die aus Nächstenliebe und sozial-ethischen Gründen ohne Vorbedingungen helfen und sich für bessere Lebensbedingungen einsetzen. Pastorin Corinna Peters-Leimbach machte in ihrem Grußwort deutlich, dass es um mehr geht als um die Bekämpfung finanzieller Armut. Es geht sowohl um eine gesellschaftliche Inklusion aller Menschen, um konkrete Hilfe in konkreten Situationen, als auch um einen kritischen Umgang mit dem gesellschaftlichen System des "Oben und Unten" oder des "Drinnen und Draußen. Die Studie "Ausgegrenzt und abgefunden? Innenansicht der Armut", die das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland 2007 nach Untersuchungen auf der Elbinsel Wilhelmsburg herausgegeben hat, macht die Bandbreite des Themas Armut und seine Konsequenzen deutlich. In Wilhelmsburg leben etwa 49.000 Menschen, davon mehr als ein Drittel in Sozialwohnungen. 20 % der Jugendlichen verlassen die Schule ohne Schulabschluss - auch das eine Auswirkung der Armut, die Bildungsarmut. Wir brauchen also auch Teilhabe im Blick auf Bildung und Eröffnung von Bildungschancen auch für bildungsfernere Schichten. Von einer so weit gefassten Teilhabe profitiert dann die Gesellschaft als Ganzes, weil sich ihre Gestaltungsmöglichkeiten erhöhen. Viele Menschen haben sich mit ihrer Armut abgefunden. Sie haben sich abgefunden mit der täglichen Ausgrenzung, dass sie nicht in Fachgeschäften einkaufen, sondern nur Billigläden aufsuchen können. Sie resignieren, trauen sich nicht nach draußen, müssen abwägen zwischen Kosten für Lebensmittel oder Körperpflegeartikel. Wir kommen wieder dahin, dass ein Blick auf die Zähne zeigt, wo Menschen finanziell angesiedelt sind.
Zugleich wies Frau Peters-Leimbach darauf hin, dass es nicht nur die Arbeitslosen sind, die um Teilhabe an der Gesellschaft kämpfen. Die Entgelte für gering Qualifizierte sind schon teilweise auf einem Niveau, dass sie selbst bei einer Vollbeschäftigung nicht zur Sicherung eines minimalen Standards der Lebensführung ausreichen. Wir sprechen hier von den working poor, also Verarmung trotz Vielfachbeschäftigung. Sie gab zu bedenken, dass die Ausgeschlossenen von heute die Armen von morgen sind.
Sie schloss ihr Grußwort mit einem Spruch aus der Bibel (Spr 31, 8.9):"Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen."
Prof. Dr. Harald Ansen, ausgewiesener Armutsforscher aus Hamburg, führte in das Thema systematisch ein. Er machte deutlich, dass Armut Gesichter hat und Menschen darunter leiden. Unter anderem ging er auf Kinderarmut und Armut unter Alleinerziehenden ein und stellte fest, heute ist Armut jung. Wer viele Kinder hat oder allein erziehend ist, trägt ein größeres Armutsrisiko als kinderlose Menschen oder Ehepaare, die gemeinsam ihre Kinder aufziehen können. Von Armut bedroht sind Menschen mit Migrationshintergrund, behinderte Menschen, Rentner, Arbeitslose. Der Sozialabbau fördert Armut und prekäre Beschäftigungsverhältnisse ziehen Armut nach sich. Ein niedriger Bildungsstand raubt den Menschen zudem Chancen, um aus der Armut heraus zu kommen.
Die Gegenwart ist leider von bedrückender Armut in Deutschland geprägt. Mindestens 15 Millionen Menschen in Deutschland leben in Armut - mit steigender Tendenz. Das ist mit der Würde des Menschen nicht vereinbar, führte Klaus Wicher in seinem engagierten Vortrag aus. Dabei macht sich die Armut nicht nur in einer steigenden Zahl von Suppenküchen und bei obdachlosen Menschen fest. Sie ist in den Alltag von Kindertagesstätten, Schulen, Seniorenzentren und Altenheimen seit langem eingekehrt. Ein Leben in Würde bedeutet das für viele Erwachsene und Kinder nicht.
Die Würde des Menschen ist unantastbar hat in der Bundesrepublik Deutschland Verfassungsrang. Der Mensch steht im Mittelpunkt, soziale Gerechtigkeit und Achtung der Menschenwürde sind zentrale Forderungen des SoVD. Wir können und werden Ungerechtigkeiten nicht hinnehmen. Armut rüttelt an den Grundfesten unserer Überzeugung und an den Grundfesten unserer Gesellschaft, so Klaus Wicher.
Große Zustimmung erhielt Klaus Wicher, als er ausgewählte Forderungen des SoVD zur Bewältigung der Armut vortrug:
- die Hartz IV Regelungen müssen zugunsten einer zukunftsfähigen Arbeitsverwaltung umgebaut werden. Vorrangig muss die Vermittlung in auskömmliche Vollzeitjobs erfolgen. Schwerpunkt muss auf einer qualifizierten Ausbildung und Qualifizierung der arbeitslosen Menschen nach skandinavischem Vorbild liegen. Dies gilt auch für die berufliche Rehabilitation. Bildung muss zum zentralen Thema werden.
- Kurzfristig muss der Hartz IV Regelsatz und der der Grundsicherung nach dem SGB XII auf 450 bis 500 € je Erwachsenen und je Kind angehoben werden. Die Vermögensverwertungsgrenze ist auf 500 € je Lebensjahr anzuheben.
- Preisanpassungsklauseln sind für Renten, Hartz IV Leistungen und Leistungen der Sozialhilfe vorzusehen. Seine Grundsatzrede schloss Klaus Wicher, Vorsitzender des SPA Hamburg, mit einem Appell: "Ich wäre froh, wenn von dieser Veranstaltung die Botschaft ausginge, wir alle trügen dazu bei, dass Armut bald der Vergangenheit angehören wird."
In der Pause sorgten ehrenamtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des SoVD sowie Mitarbeiterinnen der Winterhuder Werkstätten vom Cafè Come Together für das leibliche Wohl der Besucher. An vielen Stellen im Foyer kam es in der Pause zu angeregten Gesprächen über das Thema. Kaum jemand verließ die Veranstaltung vorzeitig, so dass die von Marina Marquardt hervorragend moderierte Gesprächsrunde vor einem gespannten Publikum in einem auch nach der Pause nach wie vor vollem Saal stattfand.
Die Gesprächsrunde:
Ingo Egloff , Mitglied der SPD Fraktion Hamburgische Bürgerschaft, Landesvorsitzender
Gabriele Wegner Verantwortlich für Sozialpolitik des DGB Bezirk Nord
Hans-Joachim Raben, Sozialberater von der Arbeitslosen Telefonhilfe e.V.
Marina Marquardt, Moderation
Prof. Dr. Felix Welti, Hochschule Neubrandenburg
Klaus Wicher, Vorsitzender des Sozialpolitischen Ausschusses SoVD
Pastorin Corinna Peters-Leimbach
Dr. Lutz Mohaupt, Mitglied der CDU Fraktion Hamburgische Bürgerschaft
